Gin
Genever: der holländische Ursprung des Gins
Bevor es "Gin" überhaupt gab, gab es Genever. Der niederländische Wacholderbrand ist der historische Ursprung des heutigen Gins – geschmacklich aber ein ganz eigenständiges Getränk, das bis heute in Belgien und den Niederlanden große Tradition genießt.
Malzwein statt Neutralalkohol
Der entscheidende Unterschied zum modernen Gin liegt bereits in der Basis: Während Gin heute fast immer aus reinem, geschmacksneutralem Getreide- oder Neutralalkohol destilliert wird, basiert klassischer Genever auf sogenanntem Moutwijn, einem malzweinartigen Destillat aus Roggen, Weizen und Gerste. Dieses Malzdestillat bringt von sich aus ein kräftiges, an Whisky oder Korn erinnerndes Aroma mit – deutlich vollmundiger und weniger neutral als der Getreidealkohol, auf dem Gin aufbaut.
Wacholder kam ursprünglich vor allem aus einem praktischen Grund ins Spiel: Frühe Malzdestillate waren geschmacklich oft nicht besonders fein, und Wacholderbeeren halfen dabei, unangenehme Schärfen und Fehltöne zu überdecken beziehungsweise geschmacklich auszugleichen. Anders als beim modernen Gin, der meist eine ganze Reihe verschiedener Botanicals in ausgewogener Kombination nutzt, kam bei traditionellem Genever oft nur eine einzelne Wacholdersorte zum Einsatz – ein weiterer klarer Unterschied zur botanischen Vielfalt, die den heutigen Gin auszeichnet.
Ein umstrittener Ursprung
Wer Genever erfunden hat, lässt sich historisch nicht eindeutig klären, auch wenn eine Zuschreibung besonders hartnäckig kursiert: Dem niederländischen Arzt und Gelehrten Franciscus Sylvius wird im 17. Jahrhundert oft die Erfindung des Genevers als medizinisches Mittel zugeschrieben – eine Legende, die sich bis heute in vielen Erzählungen über die Geschichte des Gins hält. Historisch belastbare Belege für diese exklusive Erfindung fehlen jedoch weitgehend, und ernstzunehmende Gegentheorien verweisen stattdessen auf frühere Wurzeln in Flandern oder sogar auf die medizinische Schule von Salerno in Süditalien, wo bereits deutlich früher mit Wacholder aromatisierte Heilmittel dokumentiert sind. Wahrscheinlicher ist daher eine schrittweise Entwicklung über mehrere Regionen und Jahrzehnte hinweg statt eine einzelne, klar datierbare Erfindung.
Dutch Courage und der Weg nach England
Weltberühmt wurde Genever spätestens im Zuge des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert, als englische Soldaten an der Seite niederländischer Truppen kämpften. Der Legende nach beobachteten die Engländer, wie ihre niederländischen Waffenbrüder sich vor dem Gefecht mit einem Schluck Genever Mut antranken – eine Beobachtung, die dem Getränk den bis heute im Englischen gebräuchlichen Ausdruck "Dutch Courage" einbrachte. Als englische Soldaten Genever mit nach Hause brachten, begann seine schrittweise Verbreitung und spätere Weiterentwicklung zum britischen Gin, der sich über die folgenden Jahrhunderte geschmacklich immer weiter vom malzigen, whiskyartigen Original entfernte.
Genever heute probieren
Auch wenn moderner Gin den ursprünglichen Genever längst in Bekanntheit überflügelt hat, ist der holländische Wacholderbrand keineswegs verschwunden. Bols Genever von einem der traditionsreichsten Spirituosenhäuser der Niederlande zeigt bis heute eindrücklich, wie malzig, rund und whiskynah dieser Vorläufer des Gins schmeckt – ein spannender Kontrast zu jedem klassischen London Dry Gin. Pur oder leicht gekühlt getrunken erschließt sich am besten, warum Genever über Jahrhunderte ein eigenständiges Getränk blieb und nicht einfach als früher Gin missverstanden werden sollte. In der Bar lohnt sich zudem ein Blick auf klassische Cocktails wie den Martinez, in denen ein Genever anstelle von modernem Gin ein deutlich malzigeres, historisch näheres Trinkerlebnis liefert.