Gin

Klassische Gins

Wer "Gin" sagt, meint historisch fast immer diesen Stil: trocken, klar wacholderbetont und ohne jeden Schnickschnack. Klassische Gins – meist unter dem Begriff London Dry Gin gehandelt – sind der Ursprung der gesamten Kategorie und bis heute der Maßstab, an dem sich jeder moderne Gin messen lassen muss.

Was einen klassischen Gin ausmacht

Der Name "London Dry Gin" ist irreführend, denn er sagt nichts über die Herkunft aus, sondern beschreibt eine rechtlich geschützte Herstellungsmethode, die europaweit einheitlich geregelt ist. Nach der EU-Spirituosenverordnung darf sich ein Gin nur dann London Dry Gin nennen, wenn sein gesamtes Aroma ausschließlich durch die erneute Destillation von landwirtschaftlichem Neutralalkohol zusammen mit natürlichen Botanicals entsteht. Nach der Destillation darf dem Gin nichts mehr zugesetzt werden außer Wasser zur Verdünnung auf Trinkstärke – keine nachträgliche Aromatisierung, kein Farbstoff und praktisch kein Zucker (maximal 0,1 Gramm pro Liter, also im Ergebnis geschmacklich irrelevant). Das unterscheidet den London Dry Gin fundamental von vielen anderen Gin-Stilen, bei denen Aromen auch nach der Destillation zugesetzt werden dürfen.

Geschmacklich steht bei einem klassischen Gin der Wacholder klar im Zentrum, begleitet von einem eng gefassten, traditionellen Botanical-Set: Koriandersamen für eine leicht würzig-zitrusartige Note, Angelikawurzel als erdiges Rückgrat und Zitrusschalen für Frische. Diese vier Zutaten – Wacholder, Koriander, Angelika, Zitrus – bilden seit dem 19. Jahrhundert das Grundgerüst des Stils, auch wenn einzelne Destillerien noch weitere klassische Botanicals wie Süßholz oder Iriswurzel ergänzen. Das Ergebnis ist ein Gin, der trocken, klar strukturiert und unverkennbar wacholderdominiert schmeckt – kein Botanical drängt sich in den Vordergrund, alles ordnet sich dem Wacholder unter.

Zwei Vertreter zeigen diesen Stil besonders eindrücklich: Sipsmith, destilliert in kleinen Kupferbrennblasen in London selbst, gilt vielen als moderner Wächter der klassischen Tradition, während Mombasa Club mit seiner Rezeptur aus der britischen Kolonialzeit einen besonders würzig-kräftigen, sehr klassisch anmutenden London Dry liefert.

Klassisch versus New Western – der Unterschied

Seit den 2000er-Jahren hat sich mit dem sogenannten New Western Style (auch Contemporary oder International Style genannt) eine zweite große Strömung etabliert, die bewusst mit der Wacholder-Dominanz bricht. New Western Gins verwenden oft ein deutlich breiteres Botanical-Spektrum – Blüten, Früchte, Kräuter, Gewürze aus aller Welt – und lassen den Wacholder eher als eine Zutat unter vielen erscheinen statt als Hauptdarsteller. Rechtlich dürfen sich viele dieser Gins zwar ebenfalls "Dry Gin" nennen, solange keine Süßung nach der Destillation erfolgt, das enge London-Dry-Korsett mit seinem klassischen Botanical-Kern sprengen sie damit aber bewusst.

Ein gutes Beispiel für diesen Grenzbereich ist Bombay Sapphire: offiziell als Dry Gin deklariert, mit zehn Botanicals aber schon deutlich vielschichtiger und weicher im Wacholderprofil als ein traditioneller London Dry. Auch der mit exotischen Gewürzen wie Kardamom und Chili gewürzte Opihr trägt zwar "London Dry Gin" im Namen, spielt geschmacklich aber schon mit deutlich orientalischeren Aromen. Und Elephant Gin aus Deutschland zeigt, wie ein an sich klassisch-wacholderbetonter London Dry mit ungewöhnlichen afrikanischen Botanicals wie Affenbrotbaum-Frucht trotzdem eine ganz eigene Handschrift entwickeln kann.

Warum klassische Gins bis heute relevant sind

Gerade weil klassische Gins so klar strukturiert und wacholderbetont sind, eignen sie sich hervorragend als Basis für zeitlose Cocktails wie den Martini, den Negroni oder den einfachen Gin Tonic mit klassischer Zitronen- oder Gurkengarnitur – hier soll der Gin selbst tragen, nicht von einem Übermaß an Fruchtaromen überdeckt werden. Wer verstehen will, wie Gin ursprünglich geschmeckt hat und warum Wacholder überhaupt zur namensgebenden Zutat wurde, kommt an einem guten London Dry Gin nicht vorbei.