Gin

Mediterrane Gins

Während klassische London Dry Gins den Wacholder klar in den Mittelpunkt stellen, geht der mediterrane Stil einen anderen Weg: Er stellt herzhafte Kräuter- und Gewürzaromen aus dem Mittelmeerraum in den Vordergrund und lässt den Wacholder bewusst eher im Hintergrund mitschwingen. Statt "klassisch trocken" schmecken diese Gins herzhaft-würzig, kräuterig und häufig leicht salzig.

Was einen mediterranen Gin ausmacht

Typisch für mediterrane Gins ist ein Botanical-Set, das eher aus der Gewürzküche als aus der klassischen Gin-Tradition stammt: Basilikum, Rosmarin, Thymian und Oliven bilden oft das Rückgrat, ergänzt um Zitrusfrüchte wie Orangen und Zitronen, die für Frische und Süße sorgen. Wacholder ist zwar weiterhin vorhanden – ohne ihn dürfte sich das Getränk rechtlich gar nicht Gin nennen – tritt aber deutlich hinter die Kräuter- und teils salzig-oliven Noten zurück. Das Ergebnis ist ein Geschmacksprofil, das eher an ein Kräuterbeet in der Mittagssonne Südspaniens erinnert als an einen klassischen Nadelwald.

Popularisiert wurde dieser Stil maßgeblich durch Gin Mare: Die katalanische Winzer- und Brennerfamilie Giró Ribot begann ab 2007 gemeinsam mit Global Premium Brands in Vilanova i la Geltrú, direkt an der Costa Dorada, an einem Gin zu tüfteln, der explizit mediterrane statt klassisch-englische Aromen abbilden sollte. Mit seiner Kombination aus Basilikum, Rosmarin, Thymian und grünen Oliven wurde Gin Mare in den Folgejahren zum Namensgeber und Aushängeschild der gesamten Kategorie. Sein Erfolg fällt zeitlich mit dem Boom der spanischen Gin-Tonic-Kultur zusammen: In Spanien wurde der Gin Tonic schon in den 2000er-Jahren nicht als schnelles Feierabendgetränk, sondern als zelebriertes Ritual verstanden – serviert in großen Ballongläsern ("Copas"), reichlich Eis, hochwertigem Tonic Water und sorgfältig ausgewählten Garnituren, die die jeweiligen Botanicals des Gins aufgreifen. Für einen mediterranen Gin bedeutet das meist: ein Zweig Rosmarin, eine Scheibe Orange oder ein paar grüne Oliven statt der klassischen Zitronenspalte.

Nicht jeder Gin mit spanischen oder iberischen Wurzeln ist dabei automatisch "mediterran" im engeren Sinn. Gin Sul etwa wird zwar in Hamburg destilliert, orientiert sich mit Zistrose, Rosmarin und portugiesischen Zitronen aber deutlich am mediterranen Kräuterprofil, während Nordes Atlantic Galician Gin aus dem Norden Spaniens stammt – aus Galicien, das am Atlantik und nicht am Mittelmeer liegt. Mit seiner Albariño-Weindestillat-Basis und floral-fruchtigen, leicht salzigen Aromen ist Nordes eher ein atlantischer als ein klassisch mediterraner Vertreter, zeigt aber, wie durchlässig die Grenzen zwischen den regionalen Gin-Stilen inzwischen geworden sind.

Passende Tonics und Speisenbegleitung

Weil mediterrane Gins schon von sich aus kräuter- und würzbetont sind, vertragen sie kein zu süßes oder zu dominantes Tonic Water. Am besten harmonieren trockene, zurückhaltende Tonics, die den Kräutern Raum lassen, statt sie zu überdecken – etwa herbe Klassiker oder speziell auf mediterrane Botanicals abgestimmte "Mediterranean Tonics", wie sie mittlerweile mehrere Hersteller anbieten. Bei der Küche spielen mediterrane Gins ihre Stärken aus, wo auch die Botanicals herkommen: zu Oliven, eingelegtem Gemüse, gegrilltem Fisch, Manchego-Käse oder einfach zu Tapas passen sie deutlich besser als zu Desserts oder sehr süßen Cocktails. Wer Gin bislang nur als wacholderbetontes Getränk kannte, findet in den mediterranen Vertretern eine der interessantesten Weiterentwicklungen der letzten Jahre.