Aultmore 12 Jahre – Der lange verborgene Speyside-Malt
Benannt nach dem gälischen Ausdruck für "großer Bach" – eine Anspielung auf den nahegelegenen Auchinderran-Bach – gehört Aultmore zu jenen Speyside-Brennereien in der Nähe von Keith, deren Whisky über Jahrzehnte fast ausschließlich in Blends verschwand, ehe eine offizielle Single-Malt-Linie überhaupt existierte. Der Aultmore 12 Jahre reift ausschließlich in Ex-Bourbonfässern, wird mit kräftigen 46 % Vol. abgefüllt und bewusst nicht kühlgefiltert, um dem frischen, grasig-fruchtigen Charakter des Destillats möglichst viel Raum zu lassen.
Geschichte: Vom Wasserrad zur Bacardi-Tochter
Gegründet wurde die Brennerei 1895/96 von Alexander Edward, der zu dieser Zeit auch die benachbarte Brennerei Benrinnes besaß. Bereits kurz nach der Fertigstellung geriet Aultmore 1899 in den Sog des berüchtigten Zusammenbruchs der Whiskyhändler Pattisons, was die junge Brennerei zwischenzeitlich in finanzielle Schieflage brachte. Es folgten mehrere Eigentümerwechsel: John Dewar & Sons übernahm die Anlage 1923, bevor sie 1930 in der Scottish Malt Distillers aufging – ein Zusammenschluss, der bis 1998 Bestand hatte. Seither gehört Aultmore zur Bacardi-Tochter John Dewar & Sons. Ursprünglich über ein Wasserrad angetrieben, das heute noch als historisches Ausstellungsstück auf dem Gelände zu besichtigen ist, wurde die Brennerei später auf Dampfkraft umgestellt und 1970/71 umfassend erweitert. Während des Ersten Weltkriegs musste die Produktion wegen Gerstenknappheit vollständig ruhen, und in den 1950er-Jahren zählte Aultmore zu den ersten Brennereien, die ihre Produktionsreste als Tierfutter weiterverwerteten – ein früher Vorläufer heutiger Nachhaltigkeitsbemühungen in der Branche. Trotz dieser langen und wechselvollen Geschichte erschien die allererste offizielle 12-jährige Single-Malt-Abfüllung erst im Jahr 2004 – zuvor floss der gesamte Output praktisch ausschließlich in Blends wie Dewar's.
Der Aultmore 12 im Speziellen
Als Teil der 2014 überarbeiteten Kernlinie zählt der 12-Jährige heute zur zugänglichsten Aultmore-Abfüllung, gereift ausschließlich in Ex-Bourbonfässern und mit 46 % Vol. spürbar kräftiger abgefüllt als die für Dewar's-Brennereien lange übliche 40-%-Norm. Die Entscheidung, konsequent auf Kühlfiltrierung zu verzichten und ausschließlich Bourbonholz statt einer Sherry-Beimischung zu verwenden, unterstreicht den Anspruch, den grünen, leicht grasigen Grundcharakter des Destillats so unverfälscht wie möglich zu zeigen. Damit positioniert sich Aultmore bewusst als reintöniger Single-Cask-Typ-Vertreter innerhalb der größeren Bacardi-Markenfamilie, zu der auch bekanntere Namen wie Aberfeldy und Craigellachie zählen.
Herstellung: Torffreies Wasser vom "großen Bach" und moderne Doppelbrennung
Namensgebend ist der Auchinderran-Bach, dessen gälische Bezeichnung sich in "Aultmore" widerspiegelt und der zugleich als Wasserquelle für die Produktion dient. Mit zwei Wash Stills und zwei Spirit Stills produziert die Brennerei rund 2,1 Millionen Liter reinen Alkohol pro Jahr – eine für ihre Bedeutung als Blend-Zulieferer solide, aber nicht übermäßig große Kapazität. Charakteristisch für das Destillat ist eine klare, helle Stilistik mit deutlicher Frucht- und Grasnote, die entsteht, weil bei Aultmore traditionell auf besonders klare, partikelfreie Würze aus der Maische Wert gelegt wird – ein Ansatz, der leichte, florale Noten begünstigt und gleichzeitig erklärt, warum sich das Destillat so gut für die Verfeinerung von Blends eignet, ohne sie mit schwerem Fettcharakter zu belasten.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Helles Strohgold.
- Nase: Frischer, knackiger Apfel und Birne, begleitet von blumigen Noten und einer sanften Cremigkeit.
- Gaumen: Reichhaltiger als die Nase vermuten lässt – Frucht, süßes Gebäck, Vanillecreme und weitere Blütennoten mit einer leicht grasigen Frische im Hintergrund.
- Abgang: Mittellang, mit langsam verblassender Frucht und einer sanft ausklingenden, warmen Gewürznote.
Genuss-Empfehlung
Am besten kommt der Aultmore 12 pur oder mit einem einzelnen großen Eiswürfel in einem Tumbler-Glas zur Geltung, da seine frische Frucht- und Grasnote durch leichte Kühlung zusätzlich betont wird, ohne an Struktur zu verlieren. Wer ihn analytisch verkosten möchte, sollte dennoch zunächst pur im Nosing-Glas probieren, um die feine florale Nuance vollständig wahrzunehmen. Kulinarisch passt er gut zu leichten Gerichten wie gegrilltem Hähnchen mit Kräutern, jungem Gouda oder einem Apfel-Birnen-Dessert – Aromen, die seine grasig-fruchtige Frische aufgreifen, statt sie zu überdecken. Als unkomplizierter Aperitif vor dem Essen zeigt sich der Aultmore 12 ebenfalls von seiner besten Seite.
Fazit
Der Aultmore 12 Jahre ist ein Paradebeispiel dafür, wie viele solide Speyside-Brennereien über Jahrzehnte im Schatten großer Blend-Marken standen, ehe sie ihr eigenständiges Potenzial überhaupt zeigen durften. Wer einen frischen, unkompliziert-fruchtigen Speyside-Stil ohne Sherry-Würze sucht, findet in unserem Cardhu 12 Jahre eine ähnlich helle, aber etwas süßere Alternative, während der Strathisla 12 Jahre mehr Sherry-Tiefe mitbringt. Für Einsteiger, die einen klaren, unverfälschten Speyside-Charakter zu einem fairen Preis suchen, ist der Aultmore 12 eine der unterschätztesten Empfehlungen seiner Kategorie.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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