Tequila & Mezcal

Die Geschichte des Tequilas: Vom Pulque der Azteken zur Denominación de Origen

Tequila & MezcalTequila & Mezcal Wissen

Tequila gilt heute als eigenständige, weltweit geschützte Spirituosenkategorie – doch seine Geschichte beginnt weit vor der ersten Destillation, in einem ganz anderen Getränk: dem Pulque der Azteken. Zwischen diesem fermentierten Agavensaft und der modernen Flasche Blanco oder Añejo liegen Jahrhunderte spanischer Kolonialgeschichte, eine Familiendynastie aus Jalisco und ein jahrzehntelanger Kampf um den rechtlichen Schutz eines Namens.

Pulque: das heilige Getränk der Azteken

Lange bevor überhaupt destilliert wurde, nutzten die Völker Zentralmexikos die Agave bereits als Rauschmittel. Aus dem süßen Saft (Aguamiel) verschiedener Agavenarten stellten sie Pulque her, ein milchig-trübes, fermentiertes und damit nur leicht alkoholisches Getränk, dessen Ursprünge Historiker bis etwa 200 n. Chr. zurückverfolgen. Bei den Azteken war Pulque weit mehr als ein Alltagsgetränk: Es war eng mit der Gottheit Mayahuel verbunden, der Göttin der Agave, und mit Patecatl, dem Gott des Pulques und der Fruchtbarkeit. Der Konsum war ritueller Kontrolle unterworfen – vollständige Trunkenheit war meist bestimmten Festen, Priestern oder alten Menschen vorbehalten, während Verstöße unter Strafe stehen konnten. Entscheidend für das Verständnis der späteren Tequila-Geschichte ist: Pulque wurde fermentiert, nicht destilliert. Die Destillationstechnik existierte in Mesoamerika vor der spanischen Eroberung schlicht nicht.

Die Spanier bringen die Destillation

Das änderte sich nach 1519, als Hernán Cortés mit der Eroberung Mexikos begann und spanische Kolonisatoren im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts ihre aus Europa und Nordafrika stammende Brenntechnik mitbrachten. Weil importierter Branntwein aus Spanien teuer und die Versorgung unsicher war, begannen Siedler in der Region um das heutige Jalisco, die reichlich vorhandene Agave zu destillieren statt sie nur zu vergären. So entstand aus dem traditionellen Pulque-Wissen und der neuen Brenntechnik ein gebranntes Agavendestillat, das zunächst schlicht „Vino de Mezcal" genannt wurde – ein Sammelbegriff, aus dem sich später sowohl der heutige Mezcal als auch, lokal verfeinert, der Tequila entwickelten. Die Stadt Tequila selbst, im heutigen Bundesstaat Jalisco gelegen, wurde zum Zentrum dieser lokalen Brenntradition, begünstigt durch die dort besonders gut gedeihende Blaue Weber-Agave und vulkanische Böden, die bis heute als ideal für deren Anbau gelten.

Die Familie Cuervo und die erste offizielle Lizenz

Den entscheidenden Schritt von der bäuerlichen Hausbrennerei zur kommerziellen, staatlich anerkannten Produktion markiert die Familie Cuervo. 1758 erhielt José Antonio de Cuervo y Valdés von der spanischen Krone das Recht, auf seinem Land in der Region Tequila Agaven anzubauen. Den eigentlichen Meilenstein setzte jedoch erst 1795: König Karl IV. von Spanien erteilte José María Guadalupe de Cuervo y Montaño die königliche Lizenz zur Produktion und zum Verkauf von „Vino de Mezcal" – die erste offiziell dokumentierte Brennlizenz dieser Art und die Gründungsurkunde dessen, was später zu Tequila Cuervo werden sollte. Die Destillerie La Rojeña, 1812 gegründet und bis heute von der Familie betrieben, gilt als die älteste durchgehend aktive Tequila-Brennerei Lateinamerikas. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts professionalisierte sich die Branche weiter: 1873 exportierte Cuervo erstmals Tequila in die USA, und um die Jahrhundertwende sorgten internationale Auszeichnungen – etwa der Grand Prix der Weltausstellung 1909 in Paris – für wachsendes Ansehen über Mexiko hinaus. Parallel dazu setzte sich in der Region die Blaue Weber-Agave als bevorzugte Rohstoffsorte durch, unter anderem vorangetrieben durch die konkurrierende Familie Sauza.

Gesetzlicher Schutz: Die Denominación de Origen

Mit wachsendem internationalem Erfolg wuchs auch das Bedürfnis, den Namen „Tequila" rechtlich zu schützen. 1974 erklärte die mexikanische Regierung Tequila offiziell zur ersten mexikanischen Spirituose mit geschützter Herkunftsbezeichnung (Denominación de Origen, DO) – vergleichbar mit dem Schutzstatus von Champagner oder Scotch Whisky. Die DO beschränkt die Produktion seither auf den Bundesstaat Jalisco sowie ausgewählte Gemeinden in den vier Nachbarstaaten Guanajuato, Michoacán, Nayarit und Tamaulipas; außerhalb dieser Zonen hergestellte Agavendestillate dürfen den Namen Tequila nicht tragen. Zwanzig Jahre später, 1994, folgte die zweite entscheidende Institution: Der Consejo Regulador del Tequila (CRT) wurde als private, aber vom mexikanischen Staat akkreditierte Organisation gegründet, um die Einhaltung der offiziellen Norm NOM-006-SCFI zu überwachen, Produktionsstätten zu zertifizieren und Exportzertifikate auszustellen. Mehr zur praktischen Bedeutung dieser Zertifizierung – insbesondere zur NOM-Kennnummer auf jeder Flasche – findet sich im Beitrag zu NOM-Nummern bei Tequila.

Die Premium-Welle: Tequila wird zum Sipping-Spirit

Bis weit in die 1980er-Jahre hinein war Tequila im internationalen Bewusstsein vor allem als billiger Party- und Shot-Alkohol verankert, oft als sogenannter Mixto mit bis zu 49 Prozent zugesetztem Zucker statt reiner Agave. Das änderte sich grundlegend mit der Gründung von Patrón im Jahr 1989 durch John Paul DeJoria und Martin Crowley: Mit traditioneller Tahona-Vermahlung, kleinen Kupferbrennkesseln und einem damals für Tequila ungewöhnlich hohen Preis positionierte die Marke – bekannt etwa durch Patrón Silver Tequila – das Getränk erstmals bewusst als Ultra-Premium-Spirituose, ein Erfolg, der Patrón bis heute einen dominierenden Marktanteil im oberen Preissegment sichert. Es folgten weitere Marken, die diesen Weg konsequent weitergingen, darunter Clase Azul, 1997 von Arturo Lomelí in Guadalajara gegründet und bekannt für ihre handbemalten Keramikflaschen und besonders sanft gereiften Añejo- und Extra-Añejo-Abfüllungen wie den Clase Azul Reposado. In den 2000er- und 2010er-Jahren verstärkten zahlreiche Celebrity-Tequilas sowie wachsendes Interesse an 100-prozentigem Agaven-Tequila diesen Trend weiter. Wer die stilistische Bandbreite dieser Entwicklung heute im Glas nachvollziehen möchte, findet einen guten Einstieg in den Tequila-Kategorien Blanco, Reposado und Añejo sowie im Grundlagenartikel Tequila für Einsteiger – und einen Blick auf die Rohstoffbasis selbst im Beitrag über Agaven für Tequila und Mezcal. Vom rituellen Pulque der Azteken bis zur handbemalten Clase-Azul-Flasche ist es ein weiter, aber lückenlos nachvollziehbarer Weg – und einer, der zeigt, wie eng Tequilas Geschmack bis heute mit seiner über 500-jährigen Geschichte verbunden bleibt.