Auf jedem Tequila-Etikett steht, meist klein gedruckt in der Nähe von „Hecho en México", eine vierstellige Zahl nach dem Kürzel NOM. Viele Trinker übersehen sie komplett oder halten sie für eine Chargen- oder Jahrgangsnummer. Tatsächlich ist die NOM-Nummer eine der wenigen objektiven, nicht vom Marketing beeinflussten Informationen auf der Flasche – und sie verrät etwas, das Markenname und Flaschendesign oft bewusst verschleiern: wo und von wem der Tequila tatsächlich gebrannt wurde.
Was NOM eigentlich bedeutet
NOM steht für Norma Oficial Mexicana, die offizielle mexikanische Industrienorm. Im Kontext von Tequila bezieht sich die auf dem Etikett abgedruckte vierstellige Zahl konkret auf die NOM-006-SCFI, die Tequila-Produktionsnorm, und identifiziert die Produktionsstätte, in der die Spirituose destilliert wurde. Jede zertifizierte Destillerie in der Denominación-de-Origen-Zone erhält bei ihrer Zulassung durch den Consejo Regulador del Tequila (CRT) genau eine solche Nummer, die für die gesamte Produktionsstätte gilt – unabhängig davon, wie viele unterschiedliche Markennamen dort letztlich abgefüllt werden. Entscheidend ist dabei die Unterscheidung, die auf den ersten Blick oft verwechselt wird: Die NOM-Nummer identifiziert die Brennerei, niemals die Marke selbst. Ein Markenname kann wechseln, verkauft oder neu gegründet werden – die NOM-Nummer der Produktionsstätte, in der er entsteht, bleibt davon unberührt.
Warum so viele Marken dieselbe Nummer teilen
Hier liegt der eigentliche Grund, warum NOM-Nummern für Verbraucher interessant sind: Der mexikanische Markt kennt inzwischen weit über tausend registrierte Tequila-Marken, dem stehen aber nur rund 140 bis 150 lizenzierte Destillerien gegenüber. Die Mathematik dahinter ist einfach – die überwältigende Mehrheit der Marken wird nicht in eigenen Anlagen produziert, sondern bei einer vergleichsweise kleinen Zahl großer Auftragsbrennereien abgefüllt, die im Branchenjargon oft als „Mega-Destillerien" bezeichnet werden. Ein dokumentiertes Beispiel: Die Santa-Lucia-Destillerie mit der NOM 1173 produziert neben der bei Costco verkauften Eigenmarke Kirkland Signature auch die Marken 3 Fusiles und Amate – drei auf den ersten Blick völlig unterschiedlich positionierte Produkte aus derselben Anlage. Solche Konstellationen sind in der Branche die Regel, nicht die Ausnahme, und erklären sich meist schlicht wirtschaftlich: Eine eigene Destillerie samt Agavenfeldern, Brennkesseln und CRT-Zertifizierung aufzubauen, ist teuer; viele Markeninhaber kaufen deshalb lieber fertigen, bereits zertifizierten Tequila bei etablierten Großbetrieben ein und konzentrieren ihr eigenes Budget auf Flaschendesign und Marketing.
Wie man die NOM praktisch nutzt
Wer die tatsächliche Herkunft einer Flasche nachvollziehen möchte, liest zunächst die vierstellige Zahl auf dem Rückenetikett ab und gibt sie zusammen mit dem Zusatz „tequila NOM" in eine Suchmaschine ein oder nutzt spezialisierte Datenbanken wie Tequila Matchmaker, die NOM-Nummern mit den dahinterstehenden Destillerien und sämtlichen dort produzierten Marken abgleichen. So lässt sich zum Beispiel herausfinden, dass die Destillerie La Rojeña mit der NOM 1122 die traditionsreiche Heimat von Jose Cuervo ist, während die NOM 1139, La Alteña, seit 1937 von der Familie Camarena in den Hochland-Gemeinden um Arandas betrieben wird und dort gleich mehrere eigenständige, aber eng verwandte Marken entstehen – darunter El Tesoro Añejo Tequila und Herradura Añejo Tequila, die allerdings jeweils unter eigener NOM produziert werden, da Herradura seit Jahrzehnten in der benachbarten, eigenen Hacienda San José del Refugio (NOM 1119) brennt. Dieser Unterschied zeigt zugleich die Kehrseite der NOM-Logik: Nicht jede Markenfamilie mit ähnlichem Namen oder gemeinsamer Firmengeschichte teilt automatisch dieselbe Produktionsstätte – wer wirklich vergleichen will, muss die konkrete Nummer prüfen, statt sich auf Markennamen oder Werbegeschichten zu verlassen. Premium-Marken wie Patrón gehen den umgekehrten Weg und betreiben bewusst eine exklusive, eigene Anlage – Hacienda Patrón mit der NOM 1492 –, ein Fakt, den die Marke in ihrer Positionierung als Ultra-Premium-Tequila aktiv hervorhebt. Mehr zu den handwerklichen Produktionsschritten, die innerhalb jeder NOM ablaufen, liefert der Beitrag Wie werden Tequila und Mezcal hergestellt?.
Der verbreitete Irrtum: Eine eigene NOM heißt nicht automatisch „besser"
Ein naheliegender, aber falscher Schluss wäre, eine exklusive, nicht geteilte NOM-Nummer automatisch mit höherer Qualität gleichzusetzen. Das ist ein verbreitetes Missverständnis: Manche Marken registrieren bewusst eine eigene NOM für die Flaschenabfüllung oder einen kleinen Teil der Produktion, lassen den Großteil ihres Tequilas aber weiterhin bei einer Mega-Destillerie herstellen – die NOM allein verrät also nicht zuverlässig, wie viel handwerkliche Kontrolle tatsächlich hinter einer Marke steht. Umgekehrt bedeutet eine geteilte NOM nicht automatisch schlechtere Qualität: Auch kleinere, qualitätsbewusste Marken lassen gelegentlich bei größeren, aber sorgfältig arbeitenden Betrieben brennen, weil ihnen das Kapital für eine eigene Destillerie fehlt. Die NOM-Nummer ist deshalb kein Qualitätssiegel, sondern schlicht ein Herkunftsnachweis.
Was die NOM nicht verrät: der 100-Prozent-Agave-Status
Ein zweiter, davon unabhängiger Punkt auf dem Etikett wird häufig mit der NOM verwechselt, hat aber nichts direkt mit ihr zu tun: der Hinweis „100% Agave" beziehungsweise „100% de Agave". Dieser Status wird separat vom CRT zertifiziert und muss explizit und wortgenau auf dem Etikett stehen – Formulierungen wie „aus blauer Agave" oder bloße Abbildungen der Pflanze reichen nicht aus und bedeuten im Zweifel, dass es sich um einen sogenannten Mixto handelt, bei dem bis zu 49 Prozent der vergärbaren Zucker aus anderen Quellen als Agave stammen dürfen. Nur echter 100-Prozent-Agave-Tequila muss zudem vollständig in Mexiko abgefüllt werden; Mixto darf dagegen in Fässern exportiert und im Ausland abgefüllt werden. Wer Etiketten aufmerksam liest, findet NOM-Nummer, CRT-Siegel, „Hecho en México" und gegebenenfalls den 100-Prozent-Agave-Vermerk meist dicht beieinander – vier unabhängige, aber zusammen aussagekräftige Informationen, die weit mehr über eine Flasche verraten als jede Marketingbroschüre. Einen guten Überblick über die drei zentralen Reifekategorien, die sich unabhängig von der jeweiligen NOM finden, bietet der Beitrag Tequila-Kategorien: Blanco, Reposado, Añejo.