Glenglassaugh Sandend – Tropenfrucht mit Salz auf den Lippen
Direkt an der Nordseeküste, wo Banffshire in die Moray Firth ausläuft, liegt die Destillerie Glenglassaugh nahe Portsoy. Ihr Sandend ist nach der benachbarten Bucht benannt und trägt keine Altersangabe. Mit 50,5 % vol. ist er kräftiger abgefüllt als die meisten Kernabfüllungen. Er stammt aus einem Mix aus Bourbon-, Sherry- und Manzanilla-Fässern, und in der Nase dominiert Tropenfrucht statt Rauch.
Geschichte: Mehrfach geschlossen, mehrfach zurückgekehrt
Gegründet wurde die Brennerei 1875 von James Moir und seiner Verwandtschaft, den Morrisons, an der Quelle des Glassaugh. 1892 ging sie an Highland Distillers. Die Chronologie der folgenden Jahrzehnte erzählen die Quellen unterschiedlich: Im frühen 20. Jahrhundert ruhte die Produktion lange, nach einem Neubau lief sie ab 1960 wieder, bis die Brennerei 1986 erneut stillgelegt wurde. Erst am 24. November 2008 kehrte sie unter der Scaent Group zurück. 2013 kaufte die BenRiach Distillery Company den Betrieb, 2016 übernahm Brown-Forman das gesamte BenRiach-Portfolio samt Glenglassaugh. Im Januar 2025 kündigte der Konzern ein geteiltes Produktionsmodell mit der Schwesterbrennerei BenRiach an: Die Destillation läuft seither zeitweise, die Belegschaft pendelt zwischen den beiden Standorten. Für Flaschen wie den Sandend ändert das kurzfristig wenig, die laufende Destillation ist aber weniger gesichert als bei vielen Konkurrenten.
Der Glenglassaugh Sandend im Speziellen
Sandend kam im Juni 2023 mit dem Neustart der Kernreihe auf den Markt, den Master Blender Rachel Barrie verantwortete. Neben ihm stehen der Zwölfjährige und der getorfte Portsoy im Sortiment. Der Sandend trägt keine Altersangabe und ist nicht getorft: Nach Herstellerangaben werden Bourbon-, Sherry- und Manzanilla-Fässer vermählt, abgefüllt wird bei 50,5 % vol. Das Magazin Whisky Advocate wählte ihn 2023 zum „Whisky of the Year“, bei einer Bewertung von 95 Punkten. Das ist eine bemerkenswerte Auszeichnung für einen Malt ohne Altersangabe, bleibt aber die Meinung einer Redaktion, die man neben anderen Verkostungen lesen sollte. Zum Thema Kühlfilterung und Farbstoff habe ich keine belastbare Angabe gefunden. Warum NAS nicht automatisch jung oder schlecht bedeutet, behandelt der Artikel über Whisky ohne Altersangabe.
Herstellung: Manzanilla und die salzige Luft von Sandend Bay
Prägend für den Stil sind zwei Dinge. Das erste ist die Brennerei selbst: Nach Maltspedia arbeitet sie mit einem einzigen Paar birnenförmiger Brennblasen, die einen eher leichten, fruchtigen Spirit liefern. Der Großteil der Gerste bleibt ungetorft, getorftes Malz mit etwa 30 ppm wird nur für den Portsoy verwendet. Der Sandend gilt entsprechend als nicht getorft. Wie Brennblasen und Gärung den Charakter formen, erklärt allgemein der Beitrag Wie wird Whisky hergestellt.
Das zweite ist das Fass: Neben Ex-Bourbon- und Ex-Sherryfässern kommt Manzanilla zum Einsatz, ein sehr trockener Sherry aus Sanlúcar de Barrameda, der unter einer Hefeschicht in Küstennähe reift. Er bringt eine salzig-mineralische Note ins Spiel, die zur Lage der Brennerei passt, denn gelagert wird laut Hersteller in Küstenlagerhäusern über Sandend Bay. Wie unterschiedlich Fassarten Whisky färben und würzen, erläutert Whisky-Fassreifung erklärt.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Strohgold bis helles Gold.
- Nase: Ananas, Mango und kandierte Zitrone, dazu Vanille, Fudge, weiße Schokolade und eine feine Salznote.
- Gaumen: Lebhafte Tropenfrucht, saftige Rosinen, grüner Apfel und Salzkaramell, dann Honig, Butterscotch und ein Hauch Zimt; die Stärke von 50,5 % vol. trägt das Aroma, ohne zu brennen.
- Abgang: Lang und würzig, mit Apfel, Pfeffer, etwas Schokolade und einem maritimen Salzton.
Genuss-Empfehlung
Pur lohnt sich der Sandend in einem Tulpenglas, doch bei dieser Stärke sind ein paar Tropfen stilles Wasser sinnvoll: Sie öffnen die Ananas- und Mangonoten und mildern die Pfeffernote im Abgang. Mit einem großen Eiswürfel schmeckt er im Sommer überraschend erfrischend, und für einen langen Highball mit Soda und einer Scheibe Grapefruit bleibt er auch bei Verdünnung aromatisch. Zum Essen passen gegrillte Garnelen, Jakobsmuscheln, reifer Ziegenkäse oder ein Obstsalat mit Minze. Wer dem Salz noch etwas entgegensetzen möchte, kombiniert ihn mit einer Praline aus Karamell und Meersalz.
Einordnung & Alternativen
- Old Pulteney 12 Jahre – ebenfalls ein Küstenmalt der Highlands, mit mehr Meeresbrise und weniger Tropenfrucht, deutlich zurückhaltender abgefüllt.
- BenRiach The Original Ten – Schwesterbrennerei im selben Konzern, runder und fruchtig-malzig, ohne die Salz-Karamell-Prägung.
- Clynelish 14 Jahre – Küsten-Highlander mit wachsiger Textur und Altersangabe, dafür weniger tropisch-fruchtig.
Fazit
Der Glenglassaugh Sandend gehört zu den überraschendsten NAS-Abfüllungen der letzten Jahre: fruchtig, salzig, kräftig und trotz 50,5 % vol. angenehm zugänglich. Ihm fehlt die Tiefe sehr alter Fassbestände, dafür punktet er mit Frische und klarer Handschrift. Er richtet sich an alle, die einen unaufgeregten Malt zwischen Speyside-Frucht und Küstencharakter suchen. Das Rating von 4,3 begründet sich durch die Geschlossenheit der Komposition und die Stärke bei fairer Preisklasse; Abzüge gibt es für fehlende Altersangabe und die unklare Zukunft der Produktion. Wer ihn mag, kann sich den getorften Portsoy derselben Destillerie ansehen, der den Küstenton mit Rauch verbindet.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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