Auf der Flasche steht nicht "Bourbon", obwohl die Regeln fast identisch sind. Tennessee Whiskey hat einen zusätzlichen Schritt, bevor der frische Brand ins Fass kommt: Er sickert durch eine meterdicke Schicht Holzkohle. Seit 2013 ist dieses Verfahren in Tennessee sogar gesetzlich festgeschrieben – inklusive einer Ausnahme, die das Gesetz ein wenig absurd wirken lässt.
Der Lincoln County Process
Beim Lincoln County Process (auch Charcoal Mellowing) wird der frisch destillierte, noch klare Brand durch Holzkohle aus Zuckerahorn gefiltert, bevor er in die Fässer kommt. Jack Daniel's beschreibt es so: Der Whiskey tropft Tropfen für Tropfen durch rund drei Meter (zehn Fuß) fein gemahlener Ahornholzkohle. Die Kohle brennt die Brennerei selbst: Das Holz wird zu Stapeln geschichtet und abgebrannt. Laut Difford's Guide sind für jeden Filtertank vier solcher Brände nötig, der Durchlauf dauert etwa drei Tage. Das Ziel laut Hersteller: scharfe Kanten, ölige und grasige Noten sollen verschwinden, der Whiskey wird runder und sauberer.
Alles andere folgt dem Bourbon-Muster. Jack Daniel's nennt für seinen Old No. 7 eine Maische aus 80 % Mais, 8 % Roggen und 12 % gemälzter Gerste, Sour-Mash-Gärung und Destillation in Kupfer-Kolonnen mit Doubler (die Beschreibung steht im Porträt der Jack Daniel's Distillery und in der Verkostung des Old No. 7). Der Gentleman Jack läuft laut Hersteller durch eine zweite Runde Kohle-Mellowing; wann genau, nennt die Marke nicht. Die Grundregeln, die auch hier gelten, stehen im Artikel Bourbon: Die gesetzlichen Regeln und die größten Mythen.
Das Gesetz von 2013
Am 13. Mai 2013 unterzeichnete Gouverneur Bill Haslam den House Bill 1084, die erste staatliche Definition von "Tennessee Whiskey". Verlangt sind demnach:
- Herstellung in Tennessee
- mindestens 51 % Mais in der Maische
- Destillation mit höchstens 160 Proof (80 % vol.)
- Filterung durch Ahornholzkohle vor der Reifung
- Reifung in neuen, ausgekohlten Eichenfässern in Tennessee
- Einlagerung mit höchstens 125 Proof (62,5 % vol.)
- Abfüllung mit mindestens 80 Proof (40 % vol.)
Das Gesetz enthält allerdings eine Ausnahme für Benjamin Prichard's, die den Brand ohne Holzkohlefilterung als Tennessee Whiskey verkaufen darf. Nach Darstellung von Fachquellen unterstützte Jack Daniel's das Gesetz, während kleinere Brennereien es kritisierten. Es ist ein Landesgesetz; die bundesweiten Whiskey-Standards in 27 CFR Part 5 bestehen daneben fort.
Warum "Lincoln County"?
Der Name führt in die Irre. Als Jack Daniel 1866 seine Brennerei in Lynchburg gründete, lag der Ort im Lincoln County. 1871 gründete der Staat Tennessee das Moore County, unter anderem aus Teilen von Lincoln, Bedford, Franklin und Coffee County; Lynchburg wurde 1872 Kreisstadt. Die Brennerei gehört seither zum Moore County. Der Prozess trägt den alten Namen weiter. Die einzige Tennessee-Whiskey-Marke innerhalb der heutigen Grenzen des Lincoln County ist nach Darstellung von Wikipedia Prichard's – und ausgerechnet sie ist von der Kohlefilterpflicht ausgenommen.
Wer das Verfahren erfunden hat, ist nicht letztgültig geklärt. Jack Daniel's selbst erzählt, Jack Daniel habe als Junge auf der Farm von Reverend Dan Call den versklavten Brenner Nathan "Nearest" Green kennengelernt und dort das Brennen und den Lincoln County Process gelernt; später stellte er Green als ersten Master Distiller ein. VinePair hält es für möglich, dass die Kohlefilterung ursprünglich von Versklavten aus Westafrika stammt, wo Holzkohle zur Wasserreinigung diente – das ist eine Hypothese, kein gesicherter Befund.
Prohibition und der zweite Name: George Dickel
Tennessee führte 1910 ein eigenes Alkoholverbot ein, zehn Jahre vor der nationalen Prohibition. Lem Motlow, Neffe von Jack Daniel, dem dieser den Betrieb 1907 übertragen hatte, verlegte die Brennerei nach St. Louis. Erst 1938 genehmigte ein Votum im Moore County nach einer Kampagne Motlows die Rückkehr nach Lynchburg – auch wenn der Landkreis insgesamt "trocken" blieb.
George Dickel hat eine andere Geschichte. Der Nashviller Händler George A. Dickel vermarktete ab den späten 1860er-Jahren regionalen Whiskey; nach seinem Tod 1894 führte die Firma den Betrieb weiter, zog während der Prohibition nach Louisville und kehrte 1958 nach Coffee County zurück. Dickel schreibt "Whisky" – nach der Markenüberlieferung, weil der Gründer Scotch für den Maßstab hielt. Auch der Prozess unterscheidet sich: Beim Chill Charcoal Mellowing wird der Brand vor der Filterung auf etwa 40 °F (rund 4 °C) abgekühlt, weil Dickel überzeugt war, dass im Winter produzierter Whiskey weicher schmeckt. Einen direkten Vergleich bietet die Verkostung des George Dickel No. 12.
Bourbon oder nicht?
Ist Tennessee Whiskey also Bourbon? Inhaltlich erfüllt er die Bourbon-Kriterien (51 % Mais, neue ausgekohlte Fässer, dieselben Proof-Grenzen), und Jack Daniel's sagt selbst, man folge den Bourbon-Regeln mit einem zusätzlichen Schritt. Die Hersteller betonen trotzdem lieber die Eigenständigkeit – "Tennessee Whiskey" ist als eigene Bezeichnung etabliert. Das zeigt auch das US-EU-Spirituosenabkommen von 1994, in dem Bourbon Whisky und Tennessee Whisky getrennt als Erzeugnisse der USA anerkannt wurden. Die Verkostung des Jack Daniel's Tennessee Rye zeigt, dass der Prozess auch mit Roggenmaische funktioniert.
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