George Dickel No. 12 Tennessee Whisky – der Gegenentwurf aus Cascade Hollow
Wer an Tennessee denkt, denkt an Jack Daniel's. Dabei gibt es im selben Bundesstaat eine zweite große Brennerei, die ebenfalls Holzkohle einsetzt und ihren Whisky bewusst ohne „e“ schreibt: George Dickel. Der No. 12 ist die Standardabfüllung des Hauses, wird mit 45 % vol. abgefüllt und zählt zu den günstigen, aber charaktervolleren Einstiegsflaschen des amerikanischen Whiskeys.
Geschichte: Ein Kaufmann, ein Tal und eine lange Pause
George Dickel, 1818 in Deutschland geboren, wanderte als junger Mann in die USA aus, führte in Nashville ein Einzelhandelsgeschäft und verkaufte ab den 1860er Jahren auch Spirituosen. Sein Name steht auf der Marke, doch die Quellenlage zu den Anfängen ist uneinheitlich: Je nach Darstellung begann die Produktion im Cascade Hollow nahe Tullahoma 1870 oder in den 1870er Jahren, teils unter anderen Betreibern als Dickels eigener Firma. Gesichert ist der Bruch durch die Geschichte: 1910 führte Tennessee ein Alkoholverbot ein, die Produktion wich zeitweise nach Kentucky aus, mit der nationalen Prohibition 1920 kam sie ganz zum Erliegen.
Nach der Aufhebung der Prohibition übernahm der Konzern Schenley 1937 die Marke. Er errichtete die Brennerei im Cascade Hollow neu; die erste Maische lief nach Angaben aus der Fachliteratur am 4. Juli 1959 an, abgefüllt wurde der Whisky ab 1964. Heute gehört George Dickel zu Diageo, der Konzern führt die Marke seit 1997. Die Schreibweise „Whisky“ soll auf Dickels Überzeugung zurückgehen, sein Erzeugnis stehe den besten schottischen Whiskys in nichts nach.
Der George Dickel No. 12 im Speziellen
Die Maische besteht aus 84 % Mais, 8 % Roggen und 8 % gemälzter Gerste, mehrere Quellen nennen dieselbe Verteilung. Das ist ein etwas höherer Maisanteil als beim großen Nachbarn und erklärt die Grundsüße, während der Roggen für Würze sorgt. Der No. 12 trägt keine Altersangabe; Schätzungen von Testern reichen je nach Quelle von etwa sechs bis neun Jahren, belegt ist das nicht. In Deutschland wird er mit 45 % vol. verkauft, in Litern wie in 0,7-Liter-Flaschen, und ist bei einschlägigen Spezialhändlern und Online-Shops gelistet.
Im Sortiment bildet er die Standardflasche, darüber stehen Selektionen wie Barrel Select oder Bottled in Bond. Mit 45 % vol. liegt er fünf Prozentpunkte über dem Old No. 7 von Jack Daniel's; deutsche Händler beschreiben ihn dennoch als einen der weichsten US-Whiskeys, kein Brecher.
Herstellung: Kälte vor der Kohle
Auch Dickel arbeitet nach dem Lincoln-County-Prozess, die Details zur Holzkohle findest du im Porträt der Jack Daniel's Distillery und im Beitrag zur Whisky-Herstellung. Hier liegt die Besonderheit an anderer Stelle: Das frisch destillierte Rohprodukt wird vor dem Durchlauf durch Zuckerahorn-Holzkohle heruntergekühlt, in einer Quelle ist von etwa 40 °F, also rund 4 °C die Rede. Nach Darstellung einer Fachquelle macht das den Whisky noch etwas sanfter. Der Schritt ist belegt, wie stark er sich im Glas bemerkbar macht, ist dagegen Ansichtssache.
Gereift wird in neuen, ausgebrannten Weißeichenfässern. In der Debatte um das Tennessee-Whiskey-Gesetz von 2013 vertrat Diageo teils andere Positionen als Jack Daniel's, etwa 2014 mit dem Vorschlag, Fässer wiederverwenden zu dürfen. Trotz ähnlicher Methode sind die beiden Nachbarn also keine Brüder im Geiste. Datenbanken führen den No. 12 zudem als kältefiltriert und ungefärbt.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Helles bis mittleres Bernstein.
- Nase: Vanille und Karamell, dahinter Nüsse, etwas Getreide und Holz; einzelne Tester nennen anfangs grasige Noten.
- Gaumen: Mittlerer Körper, weich und trocken mit Karamell, Nuss und einer gewissen Roggenwürze, dazu Zimt und Maissüße.
- Abgang: Mittellang, sanft, mit Vanille, Pfeffer und Eiche, bei manchen Testern leicht bitter.
Genuss-Empfehlung
Pur ist der No. 12 überraschend gut trinkbar, am besten bei Zimmertemperatur im Tumbler oder Nosing-Glas mit einem Spritzer Wasser. Auf Eis wird er cremiger, verliert aber an Würze. In der Bar bietet er sich für Old Fashioned und Manhattan an, wo seine Roggennoten mit Bitters und Wermut harmonieren; im Highball mit Ginger Ale bleibt er ebenfalls präsent. Kulinarisch passt er zu Pulled Pork, geräucherten Würsten, Pekannusskuchen oder reifem Cheddar.
Einordnung & Alternativen
- Jack Daniel's Gentleman Jack – das Pendant aus Lynchburg: weicher durch doppelte Filtration, aber mit weniger Roggenbiss.
- Buffalo Trace Kentucky Straight Bourbon – ohne Holzkohlefilterung und mit 40 % vol. milder, dafür süßer und runder.
- Bulleit Rye Whiskey – deutlich roggenbetonter und trockener, falls dir die Würze des Dickel gefällt.
Zur Fassreifung allgemein hilft der Artikel Whisky-Fassreifung erklärt.
Fazit
Der George Dickel No. 12 ist kein Highlight, aber ein ehrlicher und erschwinglicher Tennessee Whisky, der mit 45 % vol. mehr Körper bietet als viele Konkurrenten. Die Tester sind uneinig; die Spannweite reicht von eintönig bis erstaunlich charaktervoll. Wir sehen ihn als guten Einsteiger für alle, die den Tennessee-Stil abseits des Platzhirschs kennenlernen möchten, und als vielseitigen Cocktail-Whisky. Das Rating spiegelt dieses Mittelfeld wider: solide und eigenständig, aber nicht über jede Kritik erhaben.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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