Hoch über dem Kentucky River bei Lawrenceburg liegt die Wild Turkey Distillery, eines der prägenden Bourbonhäuser des Bundesstaats. Ihre Wurzeln führen zur Brennerfamilie Ripy, den Markennamen verdankt sie einer Jagdgeschichte aus dem Jahr 1940. Seit 1971 trägt die Anlage ihren heutigen Namen, seit 2009 gehört sie zur italienischen Campari Group. Bekannt ist das Haus für die Brennmeister-Dynastie Russell und für einen kräftigen Stil: vergleichsweise niedriger Maisanteil, niedrige Brennstärke, stark ausgekohlte Fässer und wenig Verdünnung vor der Abfüllung. Neben dem Namensgeber Wild Turkey 101 entstehen hier Rye-Abfüllungen und die Reihe Russell's Reserve.
Überblick
- Name: Wild Turkey Distillery
- Ort: Lawrenceburg, Anderson County, Kentucky, USA
- Gegründet: Wurzeln je nach Quelle ab 1869 (Brüder James und John Ripy) bzw. 1891 (Old Hickory Distillery von Thomas Ripy in Tyrone); Marke seit 1942
- Region: Kentucky (Kentucky River)
- Besitzer: Campari Group (seit 2009)
- Typ: Kentucky Straight Bourbon und Rye; Stil: nach Branchenangaben rund 75 % Mais, 13 % Roggen, 12 % gemälzte Gerste beim Bourbon (Hersteller veröffentlicht keine Zahlen)
Historische Entwicklung
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1869 | Je nach Quelle beginnen die Ripy-Brüder hier zu brennen; andere Darstellungen nennen 1891 und die Old Hickory Distillery |
| 1940–1942 | Austin-Nichols-Vertreter Thomas McCarthy bringt Fassproben auf eine Truthahnjagd; ab 1942 wird der Bourbon offiziell als Wild Turkey vermarktet |
| 1949 | Robert und Alvin Gould kaufen die Ripys aus |
| 1971 | Austin Nichols erwirbt die Brennerei und nennt sie Wild Turkey Distillery |
| 1980 | Pernod Ricard übernimmt Marke und Brennerei |
| 2000 | Ein Brand zerstört ein Lagerhaus mit mehr als 17.000 Fässern; ein Teil des Whiskeys gelangt in den Kentucky River |
| 2009 | Die Campari Group kauft Wild Turkey von Pernod Ricard |
| um 2010/2011 | Eine neue Brennerei entsteht in der Nähe der alten Anlage (je nach Quelle 2010 oder 2011) |
| Heute | Brennerei mit Besucherzentrum; Jimmy Russell ist seit 1954 im Haus, Sohn Eddie führt die Brennmeister-Tradition fort |
Besonderheiten bei der Herstellung
Maische und Gärung
Beim Bourbon nennen Branchenquellen eine Maische aus 75 % Mais, 13 % Roggen und 12 % Gerstenmalz, beim Rye rund 51 bis 52 % Roggen mit viel Mais, die Angaben schwanken leicht. Gegoren wird mit einer hauseigenen Hefe, die nach Berichten aus der Zeit kurz nach der Prohibition stammt, über etwa drei Tage. Besucher beschreiben große Gärtanks mit je rund 30.000 US-Gallonen.
Destillation
Wild Turkey brennt in einer Säulenanlage mit nachgeschaltetem Doubler, der wie eine Pot Still arbeitet. Die Brennstärke liegt nach Fachangaben bei rund 55 % vol. und damit unterhalb des üblichen Maximums; Besucherberichte nennen abweichende Werte, daher verzichten wir auf genaue Proof-Zahlen. Das Haus erhält so mehr Getreidearomen und verdünnt vor der Abfüllung vergleichsweise wenig.
Fassreifung
Gereift wird in neuen amerikanischen Weißeichenfässern mit Char Nr. 4, dem „Alligator Char“. Die Fässer lagern in Holz-Rickhouses ohne Heizung, in denen die Temperaturschwankungen Kentuckys die Reifung treiben. Als Durchschnitt nennt eine Fachquelle sechs bis acht Jahre. Der Verlust durch Verdunstung kann bis zu einem Drittel betragen.
Standort und Wasser
Die Brennerei liegt auf dem „Wild Turkey Hill“, rund 275 Fuß (etwa 84 Meter) über dem Kentucky River. Fachquellen nennen kalkgefiltertes Kentucky-Wasser.
Produkte & Charakter
| Produkt | Alkoholvolumen | Charakteristik |
|---|---|---|
| Wild Turkey 101 Bourbon | 50,5 % | Der Klassiker: Vanille, Karamell und deutliche Roggenwürze |
| Wild Turkey Rare Breed | Fassstärke, je Batch (zuletzt rund 58 %) | Unverdünnt abgefüllt; kräftig, würzig, mit viel Eiche |
| Wild Turkey Straight Rye (81 Proof) | 40,5 % | Milder, mais-betonter Rye mit Zimt und Honig |
| Wild Turkey 101 Rye | 50,5 % | Roggenwürze mit mehr Biss, in Deutschland nur sporadisch erhältlich |
| Russell's Reserve 10 Jahre | 45 % | Zehn Jahre gereift: Karamell, Eiche und warme Würze |
Aus dieser Brennerei haben wir bereits verkostet: Wild Turkey 101 Bourbon und Wild Turkey Straight Rye Whiskey.
Stil & Wiedererkennungswert
Wild Turkey steht für den kräftigen Flügel des Kentucky-Bourbons: weniger Mais als bei vielen Mitbewerbern, dafür Würze, eine feste Textur und eine Stärke, die bei den Kernabfüllungen hoch bleibt. Das Haus wirbt mit der Haltung, die Rezeptur seit Generationen nicht zu verändern, und stellt damit Kontinuität über Experimente.
Im Sortiment zeigt sich das in der klaren Linie vom 101 über Rare Breed bis zu Russell's Reserve.
Fazit
Wild Turkey ist eine Brennerei für alle, die Bourbon mit Würze, Substanz und Charakter suchen und sich nicht an süßer Glätte orientieren. Die lange Russell-Tradition und die niedrige Brennstärke verbinden Verlässlichkeit mit einem erkennbaren Stil. Wer weichere Bourbons bevorzugt, findet hier eher den Gegenpol.

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