Wild Turkey Rare Breed – Fassstärke mit Altersmix
Der Wild Turkey Rare Breed ist der Barrel-Proof-Bourbon des Hauses aus Lawrenceburg, Kentucky. Er wird ohne Verdünnung auf Fassstärke abgefüllt, deshalb schwankt die Stärke von Charge zu Charge, je nach Charge etwa zwischen 56 und 58 % vol.; die bei uns erhältliche 0,7-Liter-Flasche trägt 58,4 % vol. Im Glas steht ein kräftiger, aber erstaunlich ausgewogener Bourbon mit Karamell, Orangenschale und Roggenwürze.
Geschichte: Ein Verschnitt aus der Russell-Küche
Wild Turkey wurzelt in der Brennerfamilie Ripy und deren Anlage bei Lawrenceburg. Die Quellen nennen als Ursprung je nach Darstellung 1869 oder 1891. Der Markenname geht auf eine Jagdgeschichte von 1940 zurück: Ein Vertreter des Händlers Austin Nichols nahm Fassproben mit auf Truthahnjagd, die Freunde wollten mehr vom „Wild Turkey“-Bourbon, und ab 1942 wurde er so abgefüllt. 1971 erwarb Austin Nichols die Brennerei, 1980 übernahm Pernod Ricard, und seit 2009 gehört das Haus zur italienischen Campari Group.
Die prägende Figur ist Jimmy Russell, der nach übereinstimmenden Berichten seit 1954 im Betrieb arbeitet und als einer der dienstältesten Master Distiller der Welt gilt. Sein Sohn Eddie Russell, seit 1981 im Haus, ist heute ebenfalls als Master Distiller tätig, nach einer Quelle seit 2015. Den Rare Breed gibt es laut Breaking Bourbon seit 1991, und Quellen nennen Jimmy Russell als den Verantwortlichen für den Verschnitt. Eddie Russells Rolle bei diesem Whiskey ist dagegen nicht belegt. Mehr zur Brennerei steht in unserem Porträt der Wild Turkey Distillery.
Der Rare Breed im Speziellen
Das Etikett trägt keine Altersangabe. Die Zusammensetzung ist dennoch bekannt: Ein Markenbotschafter des Hauses bestätigte in einem Podcast einen Verschnitt aus sechs, acht und zwölf Jahre alten Beständen, und auch Händler- und Fachseiten geben das so an. Die Mashbill veröffentlicht der Hersteller nicht; Branchenangaben nennen für alle Wild-Turkey-Bourbons 75 % Mais, 13 % Roggen und 12 % Gerstenmalz. Das ist ein vergleichsweise geringer Maisanteil mit mäßigem Roggen, kein Hochroggen-Rezept.
Der Rare Breed wird in Fassstärke abgefüllt; Breaking Bourbon nennt Chargen mit 112,8 und 116,8 Proof. Die aktuelle Handelsflasche mit 58,4 % vol. entspricht 116,8 Proof. Chargen wurden früher durchnummeriert, heute unterscheidet das Haus sie nach Stärke. Im Sortiment liegt er klar über dem Wild Turkey 101 Bourbon: gleiche Handschrift, aber mehr Alter, mehr Stärke und mehr Tiefe.
Herstellung: Niedrige Brennstärke, tiefe Kohle
Wild Turkey brennt in einer Säulenanlage mit anschließendem Doubler. Die Brennstärke liegt nach Fachquellen bei etwa 55 % vol. und damit unter dem erlaubten Maximum; der Brand behält so mehr Getreidearomen. In die Fässer geht er mit etwa 107 bis 115 Proof, deutlich unter der oft genutzten Grenze von 125 Proof. Gereift wird in neuen, tief ausgekohlten Fässern aus amerikanischer Weißeiche. Die Barrel-Proof-Abfüllung folgt dem Prinzip, nichts zu verdünnen: Was nach Jahren in der Rickhouse im Fass bleibt, kommt in die Flasche.
Wer die Zusammenhänge von Alter, Fass und Stärke vertiefen will, findet sie in unserem Beitrag zur Whisky-Fassreifung.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Tiefes Bernstein bis Mahagoni.
- Nase: Karamell und Toffee, dazu Orangenschale, Vanille, würzige Eiche und eine Spur Pfeffer; bei der Stärke sticht Alkohol an, ein Schuss Wasser glättet.
- Gaumen: Dicht und ölig. Rye-Würze, Ahornzucker und Karamell, dazu Clementine, Leder und ein Hauch Tabak; die Hitze ist spürbar, der Körper voll.
- Abgang: Lang und süß-würzig, mit Karamell, Ahorn, Zimt, Orangenschale und trockener Eiche.
Genuss-Empfehlung
Pur ist der Rare Breed nur etwas für Trinkgewohnte; mit ein bis zwei Teelöffeln stillem Wasser oder einem großen Eiswürfel öffnet er sich deutlich. Für Cocktails ist er fast zu schade, bringt aber im Old Fashioned oder Manhattan genug Substanz mit, um sich gegen Süße und Bitters zu behaupten; man braucht dann weniger davon. Dazu passen dunkle Schokolade, gegrillte Rippchen mit Ahornglasur, Walnusskuchen oder ein kräftiger Cheddar.
Einordnung & Alternativen
- Wild Turkey 101 Bourbon – der Einstieg ins Haus mit 50,5 % vol., schlanker und weniger dicht.
- Booker's Bourbon – ebenfalls ein Fassstärke-Bourbon, mit anderer Handschrift und meist noch höherer Stärke.
- Knob Creek Kentucky Straight Bourbon – mit 50 % vol. ein weniger wuchtiger Weg zu kräftigem Bourbon.
Fazit
Der Wild Turkey Rare Breed liefert ein Barrel-Proof-Erlebnis mit echtem Alter: Der Mix aus 6-, 8- und 12-jährigen Fässern gibt ihm Tiefe, die niedrige Brennstärke sorgt für Körper, und die Fassstärke trägt alles lang in den Abgang. Das Rating von 4,4 belohnt diese Dichte und Kohärenz; abzüglich bleibt, dass die Stärke von Charge zu Charge schwankt und die Zusammensetzung nicht auf dem Etikett steht. Wer Bourbon mit Nachdruck sucht, findet hier eine sehr überzeugende Option in dieser Klasse.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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