Kaum eine Spirituose ist historisch so eng mit einer bestimmten Weltregion und einer bestimmten Wirtschaftsform verbunden wie Rum. Seine Geschichte beginnt nicht in einer Brennerei, sondern auf dem Zuckerrohrfeld – und sie lässt sich nicht erzählen, ohne die koloniale Plantagenwirtschaft der Karibik zu benennen, in der Rum entstand.
Ursprung auf den Zuckerrohrplantagen des 17. Jahrhunderts
Rum entstand im 17. Jahrhundert auf den karibischen Zuckerrohrplantagen, als man entdeckte, dass sich Melasse – ein zähflüssiges Nebenprodukt der Zuckerraffination, das zuvor oft als Abfall galt – vergären und destillieren ließ. Barbados gilt gemeinhin als früheste Produktionsstätte: Eine Quelle aus dem Jahr 1651 beschreibt dort ein Getränk namens "Rumbullion, alias Kill-Divil" als "aus Zuckerrohr destilliert, ein heißes, höllisches und furchtbares Gebräu". Woher der Name "Rum" tatsächlich stammt, ist bis heute nicht abschließend geklärt – neben "Rumbullion" wird auch "Rumbustion" (ein englischer Ausdruck für Tumult) sowie eine Ableitung von niederländischen Trinkgläsern ("rummer") diskutiert.
Die Herstellung von Rum war von Anfang an untrennbar mit der atlantischen Plantagenwirtschaft verknüpft: Zuckerrohranbau und -verarbeitung in der Karibik beruhten im 17. und 18. Jahrhundert ganz überwiegend auf der Arbeit versklavter Menschen, die von europäischen Kolonialmächten aus Westafrika deportiert wurden. Rum wurde in der Folge selbst Teil des sogenannten Dreieckshandels zwischen Europa, Westafrika und der Karibik/Nordamerika: Rum und andere Waren gingen von den Kolonien nach Europa und Afrika, Sklaven wurden von Afrika in die Karibik und nach Amerika verschifft, Zucker und Melasse wieder zurück in die Kolonien Nordamerikas, wo unter anderem im Hafen von Newport, Rhode Island, aus karibischer Melasse zusätzlicher Rum gebrannt wurde, der wiederum im Sklavenhandel als Zahlungsmittel diente. Diese Verflechtung von Rum-Produktion und Sklavenwirtschaft prägte die Spirituose über mehr als zwei Jahrhunderte und ist bis heute Gegenstand historischer Aufarbeitung einzelner karibischer Produzenten. Mehr zu den Unterschieden der karibischen Anbauregionen, aus denen Rum bis heute stammt, liefert der Artikel zu den karibischen Rum-Regionen.
Grog und die Rum-Ration der Royal Navy
Rum wurde ab dem frühen 18. Jahrhundert auch zu einem festen Bestandteil des Lebens an Bord britischer Kriegsschiffe. Ab etwa 1740 ließ Admiral Edward Vernon – wegen seines Mantels aus Grogram-Stoff von seinen Matrosen "Old Grogram" genannt – die tägliche Rum-Ration der Seeleute mit Wasser im Verhältnis etwa eins zu vier verdünnt ausgeben, um Trunkenheit an Bord einzudämmen. Das verwässerte Getränk erhielt nach seinem Spitznamen den Namen "Grog". Ab 1866 war die offizielle Tagesration der Royal Navy auf ein Achtelpint (rund 71 ml) Rum mit etwa 54,6 % vol. festgelegt, die mittags ausgegeben wurde; höhere Dienstgrade erhielten sie unverdünnt, einfache Matrosen verwässert. Erst am 31. Juli 1970 – bis heute als "Black Tot Day" bekannt – schaffte die Royal Navy die tägliche Rum-Ration endgültig ab, nachdem man befürchtet hatte, Alkohol könne den sicheren Umgang mit zunehmend komplexer Schiffstechnik gefährden. Wie Rum heute handwerklich hergestellt wird, unterscheidet sich von diesen Militärrationen naturgemäß erheblich – ein Überblick dazu findet sich im Artikel Wie wird Rum hergestellt?.
Bacardi und die Geburt des modernen weißen Rums
Einen entscheidenden stilistischen Wandel brachte das Jahr 1862, als der aus Katalonien stammende Weinhändler Facundo Bacardí Massó zusammen mit seinem Bruder José eine Brennerei in Santiago de Cuba kaufte. Facundo experimentierte mit Kohlefiltration und dem Verschnitt unterschiedlicher Destillate und schuf damit einen der ersten klaren, leichten weißen Rums – ein deutlicher Kontrast zu den schwereren, dunklen Rum-Stilen, die bis dahin üblich waren. Während der US-Prohibition (1920–1933) wurde Kuba, wo Alkohol legal blieb, zum bevorzugten Reiseziel durstiger US-Amerikaner; der aufblühende Havanna-Tourismus und die dort entstehenden Cocktails wie Daiquiri und Cuba Libre machten Bacardi-Rum international bekannt. 1960 verstaatlichte die kubanische Regierung im Zuge der Revolution die Vermögenswerte des Unternehmens auf der Insel entschädigungslos; die Familie Bacardí hatte Markenrechte und Rezepturen jedoch vorausschauend bereits außer Landes verlagert, sodass das heute von Bermuda aus geführte Unternehmen als eines der größten familiengeführten Spirituosenhäuser der Welt weiterbestand.
Agricole, Melasse-Rum und die moderne Craft-Welle
Bis heute bestehen zwei grundlegend unterschiedliche Herstellungstraditionen fort: Der weitaus größte Teil des weltweiten Rums wird aus Melasse gewonnen, während in den französischen Überseegebieten – vor allem Martinique – die Tradition des Rhum Agricole lebt, bei dem frisch gepresster Zuckerrohrsaft statt Melasse vergoren wird und der Rum dadurch einen deutlich grasigeren, vegetabileren Charakter erhält. Welche klassifikatorischen Unterschiede sich daraus und aus weiteren Herstellungs- und Herkunftsregeln ergeben, erläutert der Artikel zur Rum-Klassifikation im Vergleich. Seit den 2000er-Jahren erlebt Rum, ähnlich wie Gin und Whisky, eine ausgeprägte Premium- und Craft-Bewegung: Alte Soleras, Single-Cask-Abfüllungen unabhängiger Abfüller und eine wachsende Zahl kleiner Brennereien rücken Rum zunehmend aus der Rolle des reinen Cocktail-Mixers heraus und positionieren ihn, ähnlich wie gereifte Whiskys oder Cognacs, als eigenständige Genussspirituose zum puren Trinken.