Gin
New Western Dry Gin erklärt
Kaum ein Begriff sorgt in der Gin-Welt für so viel Verwirrung wie "New Western Dry Gin" – ein Stil, der rechtlich gar nicht existiert, geschmacklich aber längst den Markt prägt. Wer verstehen will, warum moderne Gins oft kaum noch nach Wacholder schmecken, kommt an diesem Konzept nicht vorbei.
Woher der Begriff stammt
Geprägt wurde "New Western Dry Gin" um 2006 vom amerikanischen Barkeeper und Spirituosenexperten Ryan Magarian, der als Botschafter für Aviation Gin auftrat und eine Sprache für das suchte, was da geschmacklich gerade entstand. Anders als beim London Dry Gin handelt es sich um keine gesetzlich geschützte oder EU-weit definierte Kategorie, sondern um einen von der Branche übernommenen Marketing- und Verkostungsbegriff – eine Art informelles Etikett für eine geschmackliche Haltung, nicht für ein Herstellungsverfahren.
Magarians zentrale Idee: Wacholder muss nicht länger der unangefochtene Hauptdarsteller sein, sondern kann als ein Botanical unter vielen gleichberechtigt neben Zitrus, Blüten, Kräutern oder Gewürzen stehen. In der Szene hat sich dafür der Begriff "botanical democracy" eingebürgert – botanische Demokratie statt Wacholder-Monarchie.
Was New Western Dry Gin geschmacklich ausmacht
Während ein klassischer London Dry Gin den Wacholder klar in den Vordergrund stellt, verteilen New Western Gins das Gewicht bewusst um. Zitrusfrüchte, florale Noten, Kräuter oder ungewöhnliche regionale Botanicals rücken gleichberechtigt neben den Wacholder – bei manchen Vertretern ist er kaum noch als solcher zu erkennen. Rechtlich bleiben diese Gins meist trotzdem "Dry Gin", solange nach der Destillation nicht gesüßt wird; geschmacklich sprengen sie aber bewusst das enge Korsett des klassischen Stils.
Diese Öffnung ist kein rein amerikanisches Phänomen. Auch etablierte britische Marken wie Hendrick's mit seiner Gurken- und Rosennote oder Bombay Sapphire mit zehn sorgsam austarierten Botanicals gelten längst als Wegbereiter des Stils, obwohl sie älter sind als der Begriff selbst. Deutsche Craft-Gins wie Monkey 47 mit über 40 Botanicals gehen noch einen Schritt weiter und zeigen, wie komplex und vielschichtig sich der Stil entwickeln kann.
Regionale und japanische Spielarten
Besonders deutlich zeigt sich die botanische Vielfalt bei Gins, die konsequent auf heimische Zutaten setzen. Nikka Coffey Gin aus Japan etwa ersetzt einen Teil der klassischen Zitrusnote durch Yuzu, Kabosu und Shikuwasa und ergänzt Sanshō-Pfeffer für ein unverkennbar japanisches Profil, während Roku mit Sakura-Blüten und grünem Tee einen ganz eigenen, floral-grünen Charakter entwickelt. Ki No Bi aus Kyoto verarbeitet unter anderem Yuzu, grünen Tee und Sansho zu einem dichten, komplexen Profil – ein Musterbeispiel für "botanical democracy" mit klarer regionaler Handschrift.
Auch europäische Craft-Destillerien nutzen das Konzept, um ihre Herkunft hörbar zu machen: Silent Pool mit Honig und Kamille aus der englischen Grafschaft Surrey, Hernö mit schwedischem Meadowsweet oder Cotswolds mit Lavendel aus den namensgebenden Cotswolds – jeder dieser Gins nutzt lokale Botanicals, um sich vom klassischen Wacholder-Fokus abzusetzen, ohne die Kategorie "Dry Gin" formal zu verlassen.
Der richtige Tonic für New Western Gins
Weil New Western Gins so unterschiedlich schmecken können, gibt es keine pauschale Tonic-Empfehlung – wichtiger ist, das jeweilige Leitaroma nicht zu überdecken. Bei zitrusbetonten Vertretern wie dem Nikka Coffey Gin passt ein zurückhaltendes Tonic wie East Imperial Yuzu Tonic Water besonders gut, während floral-kräuterbetonte Gins oft am besten mit einem neutralen, wenig süßen Tonic wie Fever-Tree Naturally Light Tonic Water harmonieren, das dem Gin die Bühne überlässt.