Oban Little Bay – der fruchtige Küsten-Malt aus kleinen Fässern
Der Oban Little Bay ist die Single-Malt-Abfüllung ohne Altersangabe der Brennerei Oban an der schottischen Westküste. Der Name übersetzt den gälischen Ortsnamen An t-Òban, „die kleine Bucht“, in der die Brennerei seit Ende des 18. Jahrhunderts liegt. Sein Kennzeichen ist die Fassarbeit: Whiskys aus verschiedenen Fasstypen werden am Ende in kleinen Fässern vermählt. Abgefüllt wird er mit 43 % vol. Der Stil ist fruchtiger und süßer als beim bekannteren 14-Jährigen, Rauch spielt kaum eine Rolle.
Geschichte: Eine kleine Brennerei mit bewegtem Innenleben
Gründung, Standort und die Rolle im Classic-Malts-Programm haben wir im Porträt des Oban 14 Jahre beschrieben. Hier der Blick auf den weiteren Verlauf: Nach den Stevensons wechselte die Brennerei mehrfach den Besitzer. Nach Wikipedia folgten ab 1866 Peter Curnstie, dann Walter Higgin, der sie 1883 neu aufbauen ließ, und ab 1898 Alexander Edward. 1923 kaufte Dewar's den Betrieb, 1925 ging er in die Distillers Company über, aus der später Diageo hervorging.
Zwischendurch stand die Produktion still: von 1931 bis 1937 und noch einmal von 1969 bis 1972, als ein neues Brennhaus entstand. Das Besucherzentrum wurde 1989 eingerichtet. Der Little Bay ist dagegen eine junge Erscheinung. Er kam nach Wikipedia im Dezember 2014 auf den Markt und gehörte zunächst zum Travel-Retail-Sortiment. Laut einem Händlertext hat er es inzwischen als 70-cl-Flasche ins reguläre Sortiment geschafft.
Der Oban Little Bay im Speziellen
Gedacht ist der Little Bay als zugängliche Ergänzung zum 14-Jährigen. Er trägt keine Altersangabe, wie alt die einzelnen Komponenten sind, nennt Diageo nicht. Was das bedeutet, erklärt der Beitrag NAS-Whisky ohne Altersangabe.
Zur Fassmischung decken sich ein Händlertext mit Herstellerangaben und ein Fachblog: Die Master Blender Dr. Matthew Crow und Dr. Craig Wilson reifen den Whisky in Refill-Hogsheads aus amerikanischer Eiche, in europäischen Sherryfässern und in Refill-Fässern mit neuen Böden. Danach wird er in kleinen Eichenfässern vermählt. Ein Händler gibt dafür 200-Liter-Bourbonfässer an, was den anderen Angaben widerspricht; wir folgen der Mehrheit der Quellen. Ein Händlereintrag verzeichnet Farbstoff, zur Kühlfilterung gibt es keine Angabe. Was beides für den Whisky bedeutet, steht in Kühlfiltrierung und Naturfarbe.
Herstellung: Warum kleine Fässer?
Ein kleineres Fass hat im Verhältnis zum Inhalt mehr Holzfläche, der Whisky kommt also intensiver mit dem Holz in Kontakt. Welche Wirkung Diageo damit genau anstrebt und wie lange die Vermählung dauert, wird in den Quellen nicht beziffert. Die kleinen Fässer sollen laut der Bloggerin von Miss Whisky eher wenig aktiv gewesen sein, was zum fruchtigen statt holzigen Gesamteindruck passt.
Der Destillatcharakter selbst, das salzig-süße Westküstenprofil, kommt aus den beiden kleinen Brennblasen. Mehr zu den Küstenstilen steht im Überblick Scotch-Whisky-Regionen.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Kupfriges Bernstein, in einer Beschreibung „Kupfertee“.
- Nase: Pfirsich, Aprikose und kandierte Orangenschale, dazu Honig, getrocknete Apfelchips und Haferkeks. Einzelne Tester nehmen zusätzlich Kräuter, Minze, Treibholz und feuchten Sand wahr.
- Gaumen: Zimt, Nelke und Brioche, dazu Aprikose, Apfel und Orange, mit Rührkuchen und Demerara-Zucker. Mehrere Tester erwähnen Meersalz oder Salz-Schokolade, bei einem kurz einen Hauch Rauch und Holzkohle zu Beginn.
- Abgang: Mittellang, würzig mit Zimt, Ingwer und Zitrusschale; bei einem Tester fruchtig und lang, bei einem anderen eher kurz.
Genuss-Empfehlung
Der Little Bay zeigt sich pur oder mit einem Schuss stillem Wasser am besten, am besten im Nosing-Glas, wie es Whisky richtig verkosten empfiehlt. Wasser öffnet die Frucht und dämpft die Würze. Zimmertemperatur ist besser als Eis, weil Kälte die Salznote und die feinen Fruchtaromen zudeckt. Zu Speisen passen gebratene Jakobsmuscheln, Räucherlachs, Pfirsich mit Frischkäse, Vanilleeis oder ein Stück Orangen-Schokolade. Als Cocktail-Basis ist er zu schade, ein Old Fashioned mit Orangenzeste wäre aber eine mögliche Ausnahme.
Einordnung & Alternativen
- Oban 14 Jahre Whisky – der große Bruder mit Altersangabe: laut Miss Whisky frischer, cremiger und mit mehr Gras und Toffee, weshalb die Testerin ihn vorzieht.
- Old Pulteney 12 Jahre Whisky – ein weiterer Küsten-Malt der Highlands, salziger, mit Butterscotch und Zitrus, aus Ex-Bourbon-Fässern.
- Tobermory 12 Jahre Whisky – der ungetorfte Nachbar von der Isle of Mull, süßer, mit Orange und cremiger Vanille.
Fazit
Der Oban Little Bay ist ein fruchtiger, würziger Küsten-Malt, der mit Aprikose, Orangenschale und Zimt mehr bietet, als die Einsteigerrolle erwarten lässt. Die Fachpresse bewertet ihn überwiegend gut, von einem US-Podcast-Magazin mit 91 Punkten; die Kritik betrifft vor allem den fehlenden Altersbezug und den Abstand zum 14-Jährigen. Deshalb 4.0 von 5 Punkten. Für wen? Für Einsteiger in die Highland-Küstenstile und für alle, die Frucht und Gewürz mögen und auf Rauch verzichten können. Wer mehr Cremigkeit und Tiefe sucht, greift zum Oban 14.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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