Gin
Sloe Gin: Der Schlehenlikör und seine englische Tradition
Trotz des Namens ist Sloe Gin streng genommen gar kein Gin: Er gehört rechtlich zur Kategorie der Liköre. Der Name bleibt trotzdem treffend, denn Basis und Ausgangspunkt jeder Flasche ist tatsächlich Gin – veredelt mit den kleinen, herb-sauren Früchten des Schwarzdorns.
Vom Schwarzdorn zur Flasche
Schlehen, die Früchte des Schwarzdorns (Schlehdorn), reifen im Spätsommer heran, gelten aber erst nach dem ersten Frost als erntereif. Kälte verändert die Zellstruktur der kleinen, pflaumenverwandten Steinfrüchte und macht sie deutlich milder und weniger adstringierend, als sie es direkt vom Strauch wären – wer vor dem ersten Frost erntet, kann die Früchte auch im heimischen Gefrierfach nachfrosten, um denselben Effekt zu erzielen. Traditionell werden die Schlehen anschließend leicht angestochen oder angequetscht, damit ihr Saft besser austreten kann, und dann wochen- bis monatelang zusammen mit Zucker in Gin angesetzt. Bei diesem als Mazeration bekannten Verfahren zieht der Alkohol Farbe, Fruchtsäure und Aromen aus den Schlehen, während der zugesetzte Zucker gleichzeitig Saft aus den Früchten löst – am Ende wird die tiefrote Flüssigkeit von den ausgelaugten Früchten abfiltriert. Die Kerne der Schlehen enthalten geringe Mengen Blausäureverbindungen, die dem fertigen Likör eine feine, an Bittermandel erinnernde Note verleihen, in den verarbeiteten Mengen aber unbedenklich sind.
Warum Sloe Gin rechtlich ein Likör ist
Innerhalb der EU ist genau festgelegt, was sich "Sloe Gin" nennen darf: Das Getränk muss durch Mazeration von Schlehen in Gin hergestellt werden – wobei auch landwirtschaftlicher Alkohol als Basis zulässig ist –, mindestens 25 % vol. Alkohol enthalten und einen Mindestzuckergehalt von 100 Gramm Invertzucker pro Liter aufweisen, mehr als etwa bei vergleichbaren Kirschlikören vorgeschrieben ist. Nur natürliche Aromen sind zulässig. Weil durch Zuckerung und Fruchtmazeration nach der eigentlichen Gin-Herstellung nachträglich Geschmack und Süße hinzugefügt werden, fällt Sloe Gin damit unter die EU-Spirituosenkategorie der Liköre, nicht unter die des Gins selbst – ganz ähnlich wie alkoholfreie Gin-Alternativen mangels ausreichendem Alkoholgehalt ebenfalls nicht als "Gin" gelten dürfen, nur aus einem völlig anderen Grund.
Eine britische Tradition mit später Wiederentdeckung
Sloe Gin hat tiefe Wurzeln im englischen Landleben, wo das herbstliche Schlehenpflücken und -ansetzen traditionell zur Vorbereitung auf den Winter gehörte – ein selbst gemachter Vorrat, der oft erst zu Weihnachten oder im Neuen Jahr angebrochen wurde. Diese Hausmacher-Tradition lebt bis heute fort, etwa im englischen Dorstone in Herefordshire, wo alljährlich ein Wettbewerb um den besten selbst angesetzten Sloe Gin ausgetragen wird. Kommerziell erlebte der Stil in den vergangenen Jahrzehnten, getragen von der allgemeinen Craft-Spirituosen-Bewegung, eine spürbare Wiederentdeckung über die Insel hinaus.
Bekannte Abfüllungen im Vergleich
Hayman's Sloe Gin zählt zu den traditionsreichsten kommerziellen Abfüllungen und orientiert sich an einem historischen Familienrezept, das die englische Destillerie über Generationen bewahrt hat – entsprechend klassisch und fruchtbetont-herb fällt sein Profil aus. Monkey 47 Sloe Gin geht einen anderen Weg und überträgt die für die Marke typische, hochkomplexe Botanical-Philosophie auf den Schlehenlikör, wodurch ein deutlich vielschichtigeres, weniger klassisch-englisches Geschmacksbild entsteht als bei Hayman's.
Sloe Gin und der Alkoholgehalt im Vergleich
Mit mindestens 25 % vol. liegt Sloe Gin deutlich unter der Stärke der meisten Gins, die üblicherweise zwischen 37,5 und 47 % vol. abgefüllt werden, und erst recht unter hochprozentigen Abfüllungen wie Navy Strength Gin mit 57 % vol. Das ist kein Qualitätsmerkmal in die eine oder andere Richtung, sondern schlicht der Kategorie geschuldet: Als Likör darf und soll Sloe Gin milder, süßer und zugänglicher sein als der trockene Gin, aus dem er ursprünglich angesetzt wurde.
Wie man Sloe Gin trinkt
Pur oder leicht gekühlt zeigt Sloe Gin seine fruchtig-herbe Balance am direktesten, klassisch häufig als Digestif nach dem Essen. In der Bar bildet er die Basis des Sloe Gin Fizz, bei dem er mit Zitronensaft, Zuckersirup und Soda zu einem spritzig-fruchtigen Longdrink aufgegossen wird, oder ersetzt in Cocktail-Variationen mit Wacholder-Akzent den klassischen Gin, etwa in leicht abgewandelten Sour-Rezepturen. Wegen seines vergleichsweise niedrigen Alkoholgehalts und seiner ausgeprägten Süße verträgt Sloe Gin dabei deutlich weniger Verdünnung als ein klassischer Dry Gin, bevor sein fruchtiger Charakter verloren geht.