Uncle Nearest 1856 – ein Blend mit Erinnerungsauftrag
Der Uncle Nearest 1856 Premium Aged Whiskey ist die erste Abfüllung einer Marke, die erst 2017 entstand und trotzdem binnen weniger Jahre zu den bekanntesten Namen im amerikanischen Whiskey zählt. Die Flasche kommt mit 50 % vol. (100 Proof) ins Glas, also deutlich stärker als die meisten Standardabfüllungen aus Tennessee. Im Kern ist er ein Blend aus mehreren Partien mit viel Karamell, Ahornsirup und Zimt, dazu reifer Pfirsich und eine pfeffrige Würze.
Seine Besonderheit liegt weniger im Rezept als in der Idee dahinter: Die Marke will an Nathan „Nearest“ Green erinnern, einen versklavten Brenner, der in der Überlieferung als Lehrer von Jack Daniel gilt.
Geschichte: Von Nearest Green zur Marke
Nathan Green wurde um 1820 geboren und war versklavt. Nach der überlieferten Darstellung arbeitete er in den 1850er-Jahren für den Prediger und Brenner Dan Call im Lincoln County, Tennessee, und wurde dessen Chefbrenner. Dort soll er dem jungen Jasper Newton „Jack“ Daniel das Handwerk beigebracht haben, einschließlich der Filterung durch Zuckerahorn-Holzkohle. Die Belege sind dünn und beruhen teils auf mündlicher Überlieferung; ein Bericht der New York Times von 2016 brachte die Geschichte einem breiten Publikum nahe. Brown-Forman, der Eigentümer von Jack Daniel's, erkennt Green seit August 2017 als ersten Master Distiller des Hauses an.
Die Marke Uncle Nearest gründeten im Juli 2017 Fawn Weaver und Keith Weaver. Der 1856 kam im selben Monat auf den Markt; die Zahl steht für das Jahr, in dem Green nach Markenangabe den Lincoln County Process perfektioniert haben soll, nicht für ein Alter. Der Firmensitz liegt in Shelbyville, Tennessee, wo ab 2019 auf einer ehemaligen Farm ein eigenes Gelände mit Besucherbereich und Abfüllung entstand.
Der 1856 im Speziellen
Das Etikett nennt kein Alter. Mehrere Händler und Verkostungsseiten sprechen von einem Blend aus Whiskeys zwischen 8 und 14 Jahren, eine andere Quelle nennt mindestens sieben Jahre Reife; wir geben das deshalb nur als „je nach Quelle“ wieder. Bemerkenswert wäre das so oder so: Das warme Klima Tennessees lässt Fässer schnell reifen, lange Lagerzeiten gelten dort als anspruchsvoll. Die Stärke von 50 % vol. ist belegt und deckt sich mit der Flaschenangabe von 100 Proof.
Wichtig für die Einordnung: Der Blend aus mehreren Mashbills wird von Master Blender Victoria Eady Butler zusammengestellt, einer Nachfahrin Nearest Greens, weshalb Charge und Geschmack leicht schwanken können. Die Mashbill im Einzelnen ist nicht veröffentlicht, genannt wird lediglich ein Maisanteil von mindestens 51 %. Mit „Bottled in Bond“ hat die Abfüllung trotz der 100 Proof nichts zu tun, denn dafür müsste sie aus einer einzigen Brennsaison eines einzigen Brenners stammen; die Regeln erklärt der Beitrag zu Altersangaben und Straight Whiskey. Im Sortiment ist er die erste Abfüllung der Marke und bis heute ihr Aushängeschild.
Herstellung: Zugekauft, mit Holzkohle veredelt
Zum Start entstand das Destillat laut Presseberichten bei zwei nicht genannten Brennereien in Tennessee, nach Vorgaben der Marke. Wer heute das Destillat liefert, nennt der Hersteller nicht ausdrücklich; die eigene Brennerei in Shelbyville war zunächst in erster Linie Besucher- und Abfüllstandort, und die Rolle der eigenen Produktion in der Flasche ist öffentlich nicht eindeutig belegt.
Das Destillat wird nach dem Lincoln County Process durch Zuckerahorn-Holzkohle geschickt. Ob das ausnahmslos vor der Reifung geschieht, schreiben Quellen unterschiedlich; Difford's Guide nennt eine Kohlefilterung von 14 Tagen vor der Fassreifung. Gereift wird in neuen, ausgekohlten Fässern aus amerikanischer Eiche, der Einlagerung bei rund 110 Proof wird in Berichten zum Marktstart erwähnt. Die Grundlagen des Verfahrens stehen im Beitrag zum Lincoln County Process.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Goldenes bis tiefes Bernstein.
- Nase: Karamell, Vanille und Ahornsirup, dazu reifer Pfirsich, Banane und Backgewürze wie Zimt; in manchen Chargen Heu und Zedernholz.
- Gaumen: Voller Antritt mit braunem Zucker, Karamell und Pfeffer, dann Zimt, Nelke und Pfirsich, getragen von getoasteter Eiche; ein Spritzer Wasser bringt Vanille hervor.
- Abgang: Lang und würzig, mit Zimt, Vanille und trockener Eiche.
Der 1856 ist ein süß-würziger, fruchtiger Whiskey, der auch bei 50 % vol. angenehm trinkbar bleibt. Die Holzkohle zeigt sich weniger als Rauch denn als Glätte, die Süße ist stets von Pfeffer begrenzt. Tester sind sich uneins: Manche loben ihn als vollmundig und unkompliziert, andere vermissen Tiefe und Eigenständigkeit.
Genuss-Empfehlung
Pur im Nosing-Glas mit einem Spritzer Wasser zeigt er seine fruchtige Seite am besten. Auf einem großen Eiswürfel tritt der Pfirsich zurück, Karamell und Gewürz bleiben. Im Old Fashioned und im Manhattan hält die Stärke gut dagegen; im Mule geht er neben Ingwerbier und Limette eher unter. Zum Essen passen gegrilltes Fleisch, Pekannusskuchen, Bratäpfel oder gereifter Cheddar.
Einordnung & Alternativen
- Jack Daniel's Single Barrel Select: der Verwandte aus Lynchburg, mit 45 % vol. etwas milder und holzbetonter.
- George Dickel No. 12: der andere Tennessee-Weg mit gekühlter Holzkohlefilterung, würziger und trockener.
- Michter's US*1 Sour Mash: weich und fruchtig mit Apfel und Kirsche, bei 43 % vol. deutlich leichter.
Fazit
Der Uncle Nearest 1856 ist ein gut gemachter, süß-würziger Tennessee-Blend, der durch seine 50 % vol. mehr Körper bietet als die Standardflaschen der großen Marken. Die Geschichte von Nearest Green gibt ihm Gewicht, doch im Glas zählt, dass das Alter unklar bleibt und die Herkunft des Destillats nicht offengelegt wird. Wir empfehlen ihn allen, die einen kräftigen, zugänglichen Whiskey mit Karamell, Pfirsich und Pfeffer suchen. Er überzeugt solide, aber ohne die letzte Tiefe, deshalb 4,0 Punkte.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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