Vodka gilt gemeinhin als geschmacklich neutral – und rechtlich ist das auch der Anspruch. Trotzdem schmecken ein Kartoffel- und ein Weizen-Vodka im direkten Vergleich spürbar unterschiedlich, und selbst innerhalb der Getreidesorten gibt es merkliche Unterschiede im Mundgefühl. Der gewählte Rohstoff bleibt damit, allen Neutralitätsvorgaben zum Trotz, eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen den unzähligen Vodka-Marken weltweit.
Getreide-Vodka: Weizen und Roggen
Die weitaus meisten Vodkas weltweit basieren auf Getreide, wobei Weizen und Roggen die beiden dominierenden Sorten sind. Weizen-Vodkas gelten allgemein als die weicheren, neutraleren Vertreter: Absolut etwa setzt auf Winterweizen aus der unmittelbaren Umgebung der schwedischen Destillerie in Åhus und zeigt dadurch eine dezent getreidige, saubere Aromatik. Auch Grey Goose aus der französischen Picardie und Ketel One aus den Niederlanden bauen auf reinem Weizen auf – beide gelten als vergleichsweise weich und rund, mit feinen Anklängen an Brot oder Honig.
Roggen-Vodkas fallen dagegen deutlich würziger und erdiger aus. Belvedere aus Polen verwendet ausschließlich die polnische Roggensorte Dankowskie und bringt dadurch pfeffrige, leicht erdige Noten mit, die spürbar kräftiger wirken als bei weizenbasierten Konkurrenten. Ähnlich zeigt sich Wyborowa, einer der traditionsreichsten polnischen Roggen-Vodkas, während Stolichnaya einen Verschnitt aus Weizen und Roggen einsetzt und damit geschmacklich zwischen beiden Polen liegt. Vereinzelt kommt auch Mais zum Einsatz: Tito's Handmade Vodka aus Texas basiert ausschließlich auf gelbem Mais, was dem Vodka eine dezente, an Maisgrütze erinnernde Süße verleiht und ihn – weil Mais von Natur aus glutenfrei ist – zusätzlich als glutenfreie Alternative positioniert.
Kartoffel-Vodka: schwerer und cremiger
Historisch war Kartoffel-Vodka vor allem in Polen und Russland weit verbreitet, bevor sich Getreide als günstigerer und ertragreicherer Rohstoff durchsetzte: In Polen etwa gewann die Kartoffel erst im 18. Jahrhundert an Bedeutung, als sich der Getreideexport stabilisierte und Getreide für die Spirituosenproduktion knapper wurde. Da Kartoffeln einen deutlich geringeren Stärkeanteil als Getreide besitzen, ist die Ausbeute pro Kilogramm Rohstoff spürbar niedriger – ein Grund, warum Kartoffel-Vodka heute die Ausnahme statt die Regel ist.
Wo er hergestellt wird, prägt der Rohstoff das Ergebnis jedoch deutlich: Chopin Potato Vodka aus der ostpolnischen Stadt Siedlce wird ausschließlich aus Kartoffeln gebrannt – nach Herstellerangaben werden für eine Flasche rund drei Kilogramm Kartoffeln benötigt, die geschält, gekocht, vergoren und viermal destilliert werden. Das Ergebnis ist ein spürbar cremigerer, öligerer Vodka mit erdig-herzhaften Aromen, der sich deutlich von der schlankeren Textur getreidebasierter Vodkas abhebt.
Trauben-Vodka: die Ausnahme
Noch seltener ist Vodka aus Trauben, da Trauben weder zu den klassischen Getreide- noch zu den Kartoffel-Rohstoffen zählen und entsprechend als abweichende Rohstoffquelle deklariert werden müssen. Das bekannteste Beispiel ist Cîroc, das ausschließlich aus französischen Trauben aus den Weinbauregionen rund um Gaillac und Cognac hergestellt wird. Die Trauben werden zunächst zu Wein vergoren und anschließend fünffach destilliert – viermal in kontinuierlichen Kolonnenanlagen und ein fünftes Mal in einer traditionellen Kupfer-Pot-Still. Das Ergebnis ist ein schlankerer, fast weinig-fruchtiger Vodka mit floraler Frische, der sich in Nase und Textur deutlich von getreide- oder kartoffelbasierten Vodkas unterscheidet.
Regionale Traditionen und die moderne Craft-Bewegung
Polen und Russland gelten als die historischen Ursprungsregionen des Vodkas, auch wenn sich beide Länder bis heute um den Anspruch der "Erfindung" streiten: Die älteste erhaltene schriftliche Erwähnung stammt aus den Gerichtsakten von Sandomierz in Polen aus dem Jahr 1405, während Russland offiziell auf das Jahr 1503 verweist, als im Moskauer Kreml erstmals Wodka destilliert worden sein soll. In Polen dokumentierte bereits 1534 der Arzt Stefan Falimirz Herstellungsmethoden und angebliche Heilwirkungen des Wodkas, und mit der Einführung eines modernen Destillationsverfahrens durch J. A. Baczewski im Jahr 1782 nahm die polnische Vodka-Produktion einen entscheidenden technischen Schritt nach vorn. Von diesen Ursprungsregionen aus verbreitete sich die Produktion über Skandinavien, Deutschland und schließlich die USA zu einem regelrechten internationalen "Wodka-Gürtel". Polen selbst führte 2013 zudem ein eigenes Reinheitsgebot für "polska wódka" ein, das den Rohstoff auf heimisches Getreide oder heimische Kartoffeln beschränkt – ein später Beleg dafür, wie eng Rohstoffherkunft und nationale Vodka-Identität bis heute miteinander verknüpft sind.
In jüngerer Zeit hat sich daraus eine eigenständige Craft-Vodka-Bewegung entwickelt, die bewusst auf kleinere Chargen, ungewöhnliche Rohstoffe oder traditionellere Destillationsverfahren setzt. In den USA gilt Tito's als Vorreiter dieser Entwicklung: Gründer Bert Beveridge erhielt 1997 die erste legale Brennlizenz für eine Mikrodestillerie im Bundesstaat Texas und destilliert seinen Mais-Vodka bis heute in klassischen Kupfer-Pot-Stills statt in industriellen Kolonnenanlagen. In Skandinavien setzt Reyka aus Island, die erste Destillerie des Landes überhaupt, auf eine seltene Carter-Head-Still und eine abschließende Filtration über vulkanisches Lavagestein aus der unmittelbaren Umgebung. Und in Frankreich zeigt Cîroc, wie sich selbst etablierte Konzernmarken mit einer bewusst untypischen Rohstoffwahl von der Getreide- und Kartoffel-dominierten Konkurrenz abheben können.
