The Glenturret 12 Jahre – Leichtes Destillat im Sherrykleid
Am Fuß der Highlands, bei Crieff in Perthshire, steht eine Brennerei, die sich selbst als älteste noch arbeitende Schottlands bezeichnet. Der Glenturret 12 Jahre ist ihre Visitenkarte: ein ungetorfter Single Malt, der laut Abfüllangaben ohne Kühlfilterung und ohne Farbstoff in die Flasche kommt. Die Abfüllung der aktuellen Jahresausgabe liegt bei 46,2 % vol. und zielt auf ein Zusammenspiel aus frischer Zitrusnote und zurückhaltend eingesetztem Sherry – kein Sherrywuchtbrocken, sondern ein Whisky, in dem das Destillat hörbar bleibt.
Geschichte: Ein umstrittener Titel und ein Neustart
Um das Gründungsjahr wird gestritten. Die Marke nennt 1763 und verweist auf Brennaktivitäten von Schwarzbrennern, die an diesem Ort noch deutlich früher begonnen haben sollen; andere Quellen datieren die Anfänge der „Hosh“-Brennerei auf 1775, und der heutige Name stammt demnach aus dem späten 19. Jahrhundert. Dass Glenturret „die älteste Brennerei Schottlands“ sei, ist deshalb ein Eigenanspruch, den auch Betriebe wie Littlemill oder Strathisla für sich in Anspruch nehmen. Gesichert ist, dass die Anlage im 20. Jahrhundert lange stillstand und in den späten 1950er-Jahren unter James Fairlie wiederbelebt wurde. Später gehörte sie zur Edrington-Gruppe, die sie vor allem als Lieferant für Blends nutzte – The Famous Grouse war hier jahrelang der prägende Abnehmer.
Der entscheidende Einschnitt kam, als Edrington die kleine Brennerei zum Verkauf stellte. Ende 2018 wurde der Verkauf vereinbart, 2019 vollzogen: Neuer Eigentümer ist die Glenturret Holding, ein Gemeinschaftsunternehmen der Lalique Group (Vorsitzender Silvio Denz) und des Schweizer Unternehmers Hansjörg Wyss, die berichteten Anteile liegen bei je 50 %. Seitdem produziert Glenturret ausschließlich für den eigenen Single Malt, nicht mehr für die Blending-Abnehmer – ein Wechsel, der sich in Verpackung, Sortiment und Fassauswahl deutlich zeigt.
Der Glenturret 12 im Speziellen
Der 12-Jährige gehört zur Kernreihe der Jahresausgabe 2025, in der auch Triple Wood, der 15-Jährige und weitere Abfüllungen stehen. Er reift laut Hersteller in Fässern aus europäischer und amerikanischer Eiche, die zuvor mit Oloroso und Pedro Ximénez gewürzt wurden; die Brennerei spricht von sorgfältig einzeln beurteilten und von Hand verschnittenen Fässern. Nach Händlerangaben wurde die Abfüllung 2025 mit 46,2 % vol. neu aufgelegt, frühere Chargen lagen bei 46 % vol. Der Whisky hat bei der IWSC 2025 Gold erhalten. Wer das Etikett kennt, wird auch das Flaschendesign bemerken: Die Karaffen entwirft das Lalique-Haus, und am Standort betreibt die Gruppe ein Restaurant, das nach Berichten 2022 einen Michelin-Stern erhielt.
Herstellung: Warum das Destillat leicht bleiben darf
Spannend am Glenturret ist weniger die Technik im Detail als die Stilentscheidung dahinter. Die Brennerei beschreibt ihren Hausstil als „leicht und fruchtig“, veredelt in überwiegend amerikanischen, sherrygewürzten Fässern. Weil der Betrieb seit der Übernahme nur noch für den Eigenbedarf destilliert, wurde torfiges Malz entbehrlich: Nach Angaben der Brennerei läuft die eigene Produktion ab 2025 ohne Torf, die gerauchten Abfüllungen sollen bis 2026 aus der Kernreihe verschwinden. Der 12-Jährige ist ohnehin ungetorft – wer sich für Rauchwerte interessiert, findet die Grundlagen im Artikel Getorfter Whisky und ppm erklärt.
Gebrannt wird in nur zwei Brennblasen; Datenbanken nennen für die Wash Still eine ungewöhnliche Kegelform und für die Spirit Still einen Rückflussbauch, was die Leichtigkeit des Destillats erklären würde – die Details schwanken je nach Quelle. Gegoren wird laut Herstellertext in hölzernen Gärbottichen. Der Sherry sitzt deshalb eher als Würze auf dem Destillat, statt es zu überdecken. Warum das für den Stil entscheidend ist, erläutert der Beitrag Whisky-Fassreifung erklärt.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Warmes Bernstein-Gold, naturfarben.
- Nase: Karamellisierte Zitrusfrüchte und Vanille, dazu Zimt, Rosinen und weiches Eichenholz; mit Zeit kommen getrocknete Früchte hinzu.
- Gaumen: Orangenschale, Trockenfrüchte und honigsüßes Malz, getragen von Ingwer und Muskat sowie einer leicht gerösteten Eichennote.
- Abgang: Mittellang bis lang, mit sanfter Würze, Trockenfrucht und einem Hauch süßen Holzes.
Genuss-Empfehlung
Pur im Tulpenglas zeigt der Glenturret 12 seine Stärken am besten: Die 46,2 % vol. tragen die Aromen, ohne scharf zu wirken, und ein paar Tropfen stilles Wasser öffnen die Zitrusnoten noch weiter. Eiswürfel nehmen ihm die feine Würze, ein langer Highball mit viel Eis und kaltem Sodawasser macht ihn dagegen zu einem überraschend erfrischenden Sommerdrink. Zum Essen empfiehlt die Brennerei nach Händlerangaben gereiften Cheddar, geröstete Mandeln, geräucherten Hirsch und dunkle Schokoladendesserts – eine Auswahl, die die Balance aus Frucht und Würze gut aufgreift. Wer es einfacher mag: Aprikosentarte oder ein Stück Orangenschokolade passen ebenfalls hervorragend.
Einordnung & Alternativen
- GlenDronach 12 Jahre Original – deutlich dunkler und sherrylastiger, mit Nüssen und Kakao statt Zitrusfrische.
- Aberfeldy 12 Jahre – ebenfalls ein Highlander aus Perthshire, honigsüß und milder, mit weniger Sherrywürze.
- Tamdhu 12 Jahre – reine Oloroso-Reifung ohne Bourbonanteil, runder und süßer, dafür weniger zitrisch.
Fazit
Der Glenturret 12 Jahre ist ein stimmiger, bewusst leicht gehaltener Sherry-Highlander, der zeigt, was die junge Neuausrichtung der Brennerei leisten kann. Er überzeugt durch Frische, saubere Verarbeitung und eine ehrliche Altersangabe; ein ganz großes Gewicht oder Tiefgang wie bei den schwersten Sherrymalts darf man nicht erwarten. Für alle, die Sherryfass-Whisky mögen, aber keine Schwergewichte wollen, ist er eine sehr gute Wahl und rechtfertigt mit 4,3 Punkten seine Position in der Mittelklasse. Dass der Titel der ältesten Brennerei Schottlands nur ein Eigenanspruch ist, schmälert den Genuss nicht.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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