Gin

Pink Gin: Vom Marine-Cocktail zum modernen Trend

Der Name "Pink Gin" steht heute für zwei völlig unterschiedliche Dinge, die kaum mehr miteinander zu tun haben als die Farbe: einen fast 200 Jahre alten Bar-Klassiker der Royal Navy – und einen seit rund einem Jahrzehnt boomenden, meist fruchtig-süßen Gin-Stil, der die Regale längst erobert hat.

Der Ursprung: Angostura Bitter gegen die Seekrankheit

Die Geschichte des Pink Gin beginnt nicht in einer Bar, sondern in der Schiffsapotheke. Angostura Bitter wurde ab 1824 ursprünglich als Arzneimittel gegen Seekrankheit und Verdauungsbeschwerden entwickelt und fand so seinen Weg an Bord britischer Kriegsschiffe. Weil das reine Bitter für sich genommen kaum genießbar war, vermischten Offiziere der Royal Navy es mit Gin, meist dem trockenen Plymouth Gin, um die bittere Medizin erträglicher zu machen. Aus dieser pragmatischen Mischung entwickelte sich bis in die 1870er-Jahre ein fester Bestandteil des Offiziers-Alltags an Bord, der schließlich auch in Londoner Bars ankam.

Der klassische Pink Gin ist dabei denkbar reduziert: ein kräftiger, meist hochprozentiger Gin, wenige Tropfen Angostura Bitter, dazu etwas Wasser und eine Zeste Zitrone. Seine blassrosa Farbe verdankt der Drink allein den wenigen Tropfen des tiefroten Bitters, nicht einer Fruchtzugabe. In der Kategorie der besonders kräftigen Offiziers-Spirituosen steht er damit in enger Nachbarschaft zum Navy Strength Gin, der als hochprozentiger Vorläufer vieler heutiger Overproof-Abfüllungen gilt.

Der moderne Pink Gin: ein anderes Produkt unter altem Namen

Was seit etwa 2017 unter demselben Namen in den Supermarktregalen steht, hat mit diesem historischen Cocktail nur noch die Farbe gemeinsam. Statt eines selbst gemixten Drinks aus Gin und Bitter handelt es sich um fertig aromatisierte und meist gesüßte Gins, die ihre pinke Farbe direkt aus zugesetzten Fruchtaromen und -extrakten beziehen – allen voran Erdbeere und andere rote Beeren. Ausgelöst wurde der Trend maßgeblich durch etablierte Großmarken, die mit fruchtig-milden Varianten gezielt ein jüngeres, weniger klassisch geprägtes Publikum ansprechen wollten, das mit trockenem London Dry Gin bislang wenig anfangen konnte.

Gordon's Premium Pink Gin zählt zu den bekanntesten Vertretern dieser neuen Welle und kombiniert die klassische Gordon's-Basis mit Erdbeer- und Himbeeraromen zu einem deutlich süßeren, zugänglicheren Profil als das trockene Original. Beefeater Pink Strawberry Gin verfolgt einen ähnlichen Ansatz auf Basis des klassischen London Dry Gin von Beefeater und setzt ebenfalls auf Erdbeeraromatik statt auf Bitterstoffe. Beide haben mit dem historischen Marine-Cocktail außer der Farbe und dem Namen praktisch nichts mehr gemein.

Wie man modernen Pink Gin trinkt

Weil moderne Pink Gins bewusst milder und süßer eingestellt sind als klassische London Dry Gins, harmonieren sie besonders gut mit fruchtig-erfrischenden Tonic-Varianten statt mit sehr trockenem, bitterem Tonic Water, das ihre Süße unangenehm gegen sich ausspielen würde. Bei Gordon's Premium Pink Gin hat sich beispielsweise die Kombination mit East Imperial Grapefruit Tonic Water bewährt, deren angenehme Bitternote der fruchtigen Süße des Gins ein Gegengewicht verleiht, ohne sie zu überdecken. Wer den historischen Pink Gin einmal probieren möchte, sollte dagegen bewusst zu einem klassischen, trockenen Gin greifen und ihn selbst mit ein paar Tropfen Angostura Bitter mischen – ein Rezept, das mit modernem Pink Gin aus der Flasche nicht funktioniert, weil dessen Süße und Fruchtaromatik ein völlig anderes Geschmacksbild erzeugen.

Warum der Trend ausgerechnet jetzt kam

Der Zeitpunkt des modernen Pink-Gin-Booms ist kein Zufall: Er fällt zusammen mit dem allgemeinen Gin-Aufschwung der 2010er-Jahre und einer Social-Media-Ästhetik, in der ein foto­gener, pastellrosa Drink im Glas deutlich besser funktioniert als ein klarer, unscheinbarer London Dry Gin. Für viele Traditionalisten in der Gin-Szene gilt der moderne Pink Gin deshalb eher als geschickter Marketing-Coup großer Marken denn als eigenständiger, ernstzunehmender Gin-Stil – unabhängig davon lässt sich aber nicht bestreiten, dass er neue, jüngere Zielgruppen an die Kategorie Gin überhaupt erst herangeführt hat.

Zwei Namen, zwei Traditionen

Wer heute nach "Pink Gin" sucht, sollte sich also vorher klarmachen, welche der beiden Traditionen gemeint ist: der reduzierte, historische Marine-Cocktail aus trockenem Gin und Bitter, oder der moderne, fruchtig-süße Gin-Stil aus dem Supermarktregal. Beide haben ihre Berechtigung, sprechen aber ein völlig unterschiedliches Publikum an – und lassen sich, anders als der gemeinsame Name vermuten lässt, kaum sinnvoll miteinander vergleichen.