Russell's Reserve 10 Jahre Bourbon – die Handschrift der Familie Russell
Der Russell's Reserve 10 Jahre kommt aus der Wild-Turkey-Brennerei in Lawrenceburg, Kentucky, und trägt den Namen jener Familie, die das Haus seit Jahrzehnten prägt. Er ist ein Kentucky Straight Bourbon mit Altersangabe: Mindestens zehn Jahre lag das Destillat im Fass, bevor es mit 45 % vol. abgefüllt wurde. Wer Wild Turkey bisher nur von der kräftigen, jungen Standardflasche kennt, trifft hier auf eine deutlich ruhigere, holzbetonte Seite derselben Brennerei.
Geschichte: Ein Etikett für die Meisterbrenner
Die Linie entstand nach Darstellung der Marke 1998 aus einer Geste heraus: Jimmy Russell, seit Jahrzehnten Master Distiller bei Wild Turkey, hatte sein 45. Dienstjahr erreicht, und sein Sohn Eddie Russell entwickelte gemeinsam mit ihm eine Abfüllung, die den eigenen Geschmack der beiden abbilden sollte. Auf den Markt kam Russell's Reserve 2001, der 10-Jahre-Bourbon war dabei das erste Flaggschiff. Eddie Russell, der 1981 ins Unternehmen eintrat, teilt sich seit 2015 die Rolle des Master Distillers mit seinem Vater – eine Vater-Sohn-Doppelspitze, die in der Branche selten ist.
Zum Haus selbst nur so viel: Wild Turkey gehörte zuletzt zu Pernod Ricard und wurde 2009 von der italienischen Campari-Gruppe übernommen, die auch Russell's Reserve vertreibt. Die Grundlagen der Brennerei finden sich im Artikel zum Wild Turkey 101 Bourbon.
Der Russell's Reserve 10 Jahre im Speziellen
Eine kleine Besonderheit ist die Historie der Stärke: Zum Start 2001 wurde der Zehnjährige mit 50,5 % vol. (101 Proof) abgefüllt. Ab 2005 reduzierte man auf 90 Proof, also 45 % vol. Die aktuelle Version, die sich auch im europäischen Fachhandel mit 45 % vol. findet, ist die schwächere – das Etikett „101“ bei alten Flaschen sollte man also nicht mit der heutigen Abfüllung verwechseln. Die Marke spricht von einer „small batch“, handverlesenen Auswahl, einen Single-Barrel-Charakter hat die Flasche nicht.
Für die Rezeptur gilt, was bei Wild Turkey üblich ist: Mais bildet den Hauptanteil, ergänzt durch Roggen und Gerstenmalz. Verbreitet wird eine Zusammensetzung von etwa 75 % Mais, 13 % Roggen und 12 % Gerstenmalz genannt; offiziell bestätigt wird die Zahl hier nicht, sie ist als gängige Branchenangabe zu lesen. Der Maisanteil ist vergleichsweise niedrig, der Roggenanteil bringt Würze mit.
Herstellung: Warum Wild Turkey so niedrig brennt
Das Besondere an diesem Bourbon ist weniger ein einzelnes Rezept als eine Reihe von Entscheidungen, die auf Aroma statt auf Ausbeute zielen. Wild Turkey zieht das Destillat laut verbreiteter Darstellung bei nur rund 55 % vol. ab – deutlich unter der gesetzlichen Obergrenze von 80 % vol. Je niedriger der Abzug, desto mehr Getreidearomen bleiben im Brand, der dadurch fülliger und schwerer ausfällt. Das gilt für alle Abfüllungen des Hauses; bei einem zehnjährigen Bourbon hilft es, dass ein kräftiger Brand lange im Holz bestehen kann, ohne von Gerbstoffen erdrückt zu werden.
Ergänzt wird das durch die Fässer. Russell's Reserve reift laut Händler- und Herstellerangaben in Fässern mit Char Nr. 4, dem sogenannten Alligator Char. Das Holz wird dabei so lange angekohlt, dass die verkohlte Schicht wie Alligatorhaut aufbricht. Weitere Details, etwa der genaue Fasseingangsalkohol für diese Abfüllung, gibt die Marke nicht an. Mehr zum Prinzip finden Sie im Überblick zur Whisky-Fassreifung.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Tiefes Bernstein bis Kupfer.
- Nase: Karamell und Vanille, dazu Gewürznoten, ein Hauch Erdigkeit und – je nach Charge – reife Birne oder glimmende Eiche.
- Gaumen: Cremig und warm mit Zimt, Piment und Muskat, dazu Kaffee und süße Vanille; eine feste Eichenstruktur trägt das Ganze, ohne zu austrocknen.
- Abgang: Lang und gewürzt, mit Eiche und Tabak; einzelne Tester nehmen einen leicht bitteren Nachhall wahr.
Genuss-Empfehlung
Am besten schmeckt der Russell's Reserve 10 pur im Nosing-Glas oder Tumbler, vielleicht mit ein paar Tropfen Wasser, die Karamell und Gewürze öffnen. Auf Eis wird er milder, verliert aber etwas von seiner Tiefe. Im Cocktail lohnt er sich für einen Old Fashioned oder Manhattan, wo die Eichenwürze gegen Zucker und Bitters besteht; für einen Whiskey Sour ist er fast zu schade. Als Begleiter passen gegrilltes Fleisch, würziger Hartkäse, Walnüsse oder dunkle Schokolade.
Einordnung & Alternativen
- Wild Turkey 101 Bourbon – das junge, kräftigere Geschwister mit 50,5 % vol. aus derselben Brennerei; schärfer und direkter, dafür ohne die Gelassenheit des Zehnjährigen.
- Eagle Rare 10 Jahre – ebenfalls zehn Jahre alt, aber leichter, fruchtiger und weniger würzig als der Russell's.
- Knob Creek Kentucky Straight Bourbon – mit 50 % vol. noch kräftiger und eichiger, eine Alternative für Fans von stark ausgekohlten Fässern.
Fazit
Der Russell's Reserve 10 Jahre ist ein ehrlicher, gut gebauter Bourbon für Genießer, die Würze und Eiche mögen und kein Zuckerbonbon suchen. Er überzeugt durch Struktur und Reife, nicht durch Raffinesse – das Rating von 4.3 spiegelt, dass er in Tests teils hervorragend, teils wegen seines herben Abgangs etwas zurückhaltender bewertet wird. Eine gute Empfehlung für alle, die Wild Turkey 101 kennen und eine runde, gereifte Variante suchen.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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