WhistlePig 10 Jahre Straight Rye – Roggen aus Kanada, Handschrift aus Vermont
Der WhistlePig 10 Jahre ist das Flaggschiff einer Farmbrennerei in Shoreham, Vermont, und zugleich eine der bekanntesten Roggen-Abfüllungen Amerikas. Ein Detail gehört gleich an den Anfang: Das Destillat dieses Whiskeys stammt nicht aus Vermont, sondern wurde in Kanada gebrannt. Das Etikett der aktuellen Flasche trägt dem Vernehmen nach den Hinweis „Product of Canada“ und „a blend of straight rye whiskeys“. Was in Vermont geschieht, sind Verschnitt, Veredelung und Abfüllung – und genau das macht ihn für einen Roggenfreund trotzdem spannend.
Geschichte: Vom Unternehmer zur Farmbrennerei
Gründer ist der Unternehmer Raj Bhakta, der nach vorliegenden Darstellungen (je nach Quelle 2007 oder 2008) das Gelände in Shoreham erwarb; als Marke startete WhistlePig um 2010. Die frühe Phase prägte Dave Pickerell, der zuvor rund 14 Jahre Master Distiller bei Maker's Mark gewesen war. Er brachte das Unternehmen an den ersten Bestand kanadischen Roggens, entwarf den ersten Verschnitt und das erste Brennblasen-Design. Pickerell starb 2018. Bhakta zog sich 2017 aus dem Unternehmen zurück; 2019 stieg er mit dem Einstieg des Finanzinvestors BDT Capital Partners, der laut Pressemitteilung eine „bedeutende Minderheitsbeteiligung“ übernahm, vollständig aus.
Die Farm umfasst gut 500 Acres, darauf wird Roggen angebaut. Seit 2015 wird dort auch selbst gebrannt – die eigene Produktion lief also erst an, als die Marke mit ihrem 10-Jahre-Roggen schon bekannt war.
Der WhistlePig 10 Jahre im Speziellen
Die Abfüllung trägt eine Altersangabe von mindestens zehn Jahren, 50 % vol. (100 Proof) und besteht laut Difford's Guide aus 100 % Roggen. Andere Quellen sprechen vorsichtiger von etwa 97 bis 100 %, weil einzelne Chargen nicht rein aus Roggen bestehen sollen. Als „Small Batch“ gehandelt, ist er die Basis eines Sortiments mit 12-, 15- und 18-jährigen Abfüllungen sowie den teureren Boss-Hog-Editionen und liegt klar im Premium-Segment.
Ehrlich eingeordnet: Pickerell hat selbst erklärt, dass der Großteil des frühen WhistlePig-Destillats aus dem „flavouring whisky“ von Alberta Distillers stammt, einem zweifach destillierten Roggenbrand. Dass diese Kanada-Bindung bis heute besteht, spricht auch aus Tests des 10-Jährigen aus jüngerer Zeit. Die eigene Brennerei hat zwar eine Reihe von Abfüllungen hervorgebracht, etwa die FarmStock-Reihe seit 2017, die Zusammensetzung des Zehnjährigen scheint davon jedoch nicht unmittelbar betroffen. Verlässlich lässt sich das ohne Herstellerauskunft nicht beantworten.
Herstellung: Zwei Fässer, zwei Aufgaben
Interessant ist das Reifekonzept, das Pickerell entwickelt hat, um zu viel Gerbstoff zu vermeiden. Die erste Stufe findet laut seinen Angaben in neuen, nur leicht ausgekohlten Eichenfässern statt, die zweite in zuvor gebrauchten, stärker ausgekohlten Bourbonfässern. Bis zu fünf Jahre pro Stufe nannte er als Rahmen. Das Prinzip: Das neue Holz bringt Vanille, Würze und Struktur, das Bourbonfass runde das Ganze ab, ohne zusätzliche Gerbstoffe einzubringen. Der Roggen mit seiner ohnehin trockenen Art profitiert davon.
Auch die Reifung wanderte mit der Zeit nach Vermont: Anfangs lagerten die Fässer vollständig in Kanada, später kam die zweite Reifestufe nach Vermont, und zuletzt sollten laut Pickerell beide Stufen auf der Farm stattfinden. Die Details der heutigen Praxis nennt die Marke nicht abschließend. Mehr zu Fass und Alter im Beitrag zur Whisky-Fassreifung.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Dunkles Bernstein mit goldenen Reflexen.
- Nase: Pfeffriger Roggen mit Aprikose, Zitrusschale und gerösteten Mandeln, dazu Dill, Muskat und etwas Toffee.
- Gaumen: Grüner Apfel, Zitrus und Minze, dazu kandierte Gewürze, Nelke und Zimt; die Roggenschärfe nimmt zu und trifft auf Vanille und Ahornsirup.
- Abgang: Lang und würzig, mit Pfeffer, Eiche und Honig; manche Tester empfinden die Schärfe wasabiartig.
Genuss-Empfehlung
Mit 50 % vol. verträgt der Rye einen Spritzer Wasser oder einen großen Eiswürfel; im Nosing-Glas kommen Aprikose und Minze am besten heraus. Im Manhattan zeigt er sich kräftig und trocken, ebenso im Old Fashioned, wo die Würze gegen die Süße hält. Wer Roggen noch nicht kennt, startet besser mit einem milderen Bourbon und tastet sich über die Whisky-Sorten im Überblick an die Schärfe heran. Zum Essen passen reifer Cheddar, Entenbrust oder dunkle Schokolade mit hohem Kakaoanteil.
Einordnung & Alternativen
- Bulleit Rye Whiskey – deutlich günstiger, mit 45 % vol. etwas milder und weniger fruchtig, dafür ein solider Roggenvergleich für Cocktails.
- Four Roses Single Barrel – ein Bourbon, aber mit spürbarem Roggenanteil und ähnlicher Stärke; weniger pfeffrig und mehr Frucht.
- Eagle Rare 10 Jahre – gleiches Alter, aber ein Bourbon: süßer und weicher, wer die Roggenschärfe scheut.
Fazit
Der WhistlePig 10 Jahre ist ein charaktervoller, würziger Rye mit guter Reife und einem durchdachten Fasskonzept, aber kein Whiskey aus Vermonter Eigenproduktion. Wer das weiß, bekommt einen sehr ordentlichen Roggen für Pur-Genuss und Manhattan, der sein Premium-Etikett nur teilweise rechtfertigt. Deshalb steht das Rating bei 3.9: handwerklich solide, geschmacklich spannend, aber nicht ganz so einzigartig, wie die Positionierung nahelegt.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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