Seagram's VO – was bedeuten eigentlich die zwei Buchstaben?
Wofür „VO“ steht, darüber streiten sich selbst die Quellen: „Very Own“ oder „Very Old“. Gesichert ist, dass der Seagram's VO zu den bekanntesten kanadischen Blends der Welt gehört, mit 40 % vol. abgefüllt wird und seit über einem Jahrhundert als leichter, süßlicher Mix-Whisky im Regal steht. Seine Stärke ist nicht die Tiefe, sondern die Unkompliziertheit.
Geschichte: Von der Waterloo Distillery zum Blend für Highballs
Die Wurzeln liegen in Waterloo, Ontario. 1857 wurde dort eine Brennerei gegründet, in die der Müller Joseph E. Seagram 1869 als Teilhaber einstieg; 1883 war er alleiniger Eigentümer. Der VO entstand nach einer Darstellung der Whiskey University um 1914 als Blend für eine Familienhochzeit und kam danach in den Verkauf; Wann genau das war, nennen die Quellen unterschiedlich, zwischen 1917 und 1919. Der Vorgänger ist älter: Bereits 1883 brachte Seagram den „83“ auf den Markt. Zusammen mit Seven Crown und Crown Royal zählte der VO von den 1960er- bis zu den 1990er-Jahren zu den drei meistverkauften Seagram-Marken.
1928 übernahm die Distillers Corporation der Familie Bronfman die Firma Joseph E. Seagram & Sons. Als der Konzern im Jahr 2000 aufgeteilt wurde, gingen die Getränkemarken an Diageo und Pernod Ricard. 2018 verkaufte Diageo den Seagram's VO und 18 weitere Marken für 550 Millionen US-Dollar an Sazerac, den amerikanischen Hersteller von Buffalo Trace. Dass die Schwester Crown Royal bei Diageo blieb und im Crown Royal Kanadischer Whisky ein ganz anderes Image trägt, ist Teil der Familiengeschichte.
Der Seagram's VO im Speziellen
Der VO trägt keine Altersangabe auf dem Etikett. Das kanadische Recht verlangt mindestens drei Jahre im Holz; ein Tester nennt für den VO mindestens sechs Jahre; eine offizielle Bestätigung dafür fehlt. Zur Rezeptur macht Seagram's keine Angaben. Im Stil von Canadian Whisky werden die Getreidesorten getrennt gebrannt und später gemischt, hier also vermutlich Mais-, Roggen- und weitere Komponenten. Wie dieses System funktioniert, erklärt unser Artikel Canadian Whisky erklärt. Ein Tester vermutet einen roggenbetonten Blend; das lässt sich aus öffentlichen Quellen nicht bestätigen.
Ebenso zurückhaltend ist die Quellenlage zur Produktion: Genannt werden Kanada und, je nach Quelle, eine Brennerei in Valleyfield, Québec. Zur nüchternen Einordnung gehört auch der Hinweis eines Testers, dass kanadische Exportblends bis zu rund 9 % andere Spirituosen oder Wein enthalten dürfen. Wer den Inhalt der Flasche genau nachvollziehen will, stößt hier an Grenzen.
Verkostungsnotiz
Die folgende Beschreibung stützt sich auf Herstellerangaben und veröffentlichte Verkostungsnotizen, etwa von WhiskyRant und Thirty-One Whiskey. Die Bewertungen reichen von 73 von 100 Punkten bis zu 1 von 5 Sternen, es handelt sich also um einen polarisierenden Whisky.
- Farbe: Goldgelb bis Bernstein mit orangem Schimmer.
- Nase: Saftig und fruchtig – Orangenzeste, Banane und Ananas, dazu Honig und Roggenbrot mit Butter.
- Gaumen: Buttrig und weich mit Marmelade, Honig und Apfel; Vanille und brauner Zucker, dazu sanfte Backgewürze.
- Abgang: Kurz, würzig und honigsüß; manche Tester notieren eine kreidige oder bittere Note, die sich mit Eis abschwächt.
Genuss-Empfehlung
Der Seagram's VO ist dort gut aufgehoben, wo er ohnehin ein Stammgast ist: im langen Drink. Mit Ginger Ale, Eis und einer Zitronenzeste wird er zum schlanken Whisky Highball, und die fruchtige Nase hilft auch im Algonquin, einem Klassiker mit Whisky, trockenem Wermut und Ananassaft. Pur ist er weniger in seinem Revier; mit einem großen Eiswürfel wird er immerhin runder. In kräftig gebitterten Drinks wie dem Old Fashioned ging er bei einem Tester unter, ein Hinweis darauf, dass er lieber mit mildem Mixer als mit viel Bitters zusammenkommt. Zum Essen passen Geflügel mit Ahornglasur, Maiskuchen oder gegrillte Ananas. Bewusst und in Maßen genießen.
Einordnung & Alternativen
- Crown Royal Kanadischer Whisky – ebenfalls ein Seagram-Erbe, doch weicher, vanilliger und mit dem lila Samtbeutel deutlich prestigeträchtiger verpackt.
- Canadian Club 12 Jahre Kanadischer Whisky – mit zwölf Jahren Reife der würzigere, ältere Blend mit Roggenbiss.
- Pike Creek 10 Jahre Canadian Whisky – mit 42 % vol. und zehn Jahren Reife der gereiftere Vertreter kanadischer Blends.
Fazit
Der Seagram's VO ist ein leichter, fruchtig-süßer Blend, der in langen Drinks funktioniert und pur schnell an seine Grenzen kommt. Seine Geschichte ist reicher als sein Geschmacksprofil. Als Barbasis für Highballs ist er brauchbar; als Whisky zum Nachdenken fehlt ihm Länge. Deshalb vergeben wir 3,0 Punkte: nichts, was stört, aber wenig, was bleibt.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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