Aberlour Casg Annamh – Das „seltene Fass“ in Batch-Stärke
Der Aberlour Casg Annamh ist ein Single Malt ohne Altersangabe aus der Speyside, abgefüllt mit 48 % vol. und in wechselnden Chargen (Batches). Der gälische Name bedeutet „seltenes Fass“. Gereift wird er nach Angaben der Brennerei in Oloroso-Sherryfässern; im Sortiment steht er zwischen den 40- bis 43-prozentigen Altersabfüllungen und dem unverdünnten Aberlour A'bunadh. Das Besondere: Er bietet Sherrycharakter und eine etwas kräftigere Stärke, ohne die Wucht eines Fassstärke-Malts.
Geschichte: Vom Lour Burn zu Pernod Ricard
Die Brennerei liegt in Charlestown of Aberlour, dort, wo der Lour Burn in den Spey mündet. Einen Vorläufer gleichen Namens gab es bereits ab 1826, die heutige Anlage geht jedoch auf James Fleming zurück, der 1879 das Land sicherte und ab Dezember 1880 Whisky brannte. Fleming, Sohn eines Pächters und Getreidehändler, war in Aberlour eine prägende Persönlichkeit: Er stiftete unter anderem die Fleming Hall und ein Krankenhaus und finanzierte einen Fußgängersteg über den Spey. 1892 verkaufte er an Robert Thorne & Sons; nach einem schweren Brand 1898 wurde die Anlage wieder aufgebaut. Später folgten W. H. Holt & Sons und 1945 S. Campbell & Sons. Pernod Ricard übernahm Campbell Distillers 1975, seit 2001 liegt die Marke bei Chivas Brothers. 1973 wurde die Zahl der Brennblasen von zwei auf vier verdoppelt, und seit 2002 gibt es ein Besucherzentrum. Mehr zum Haus steht im Porträt Aberlour Distillery – Speyside.
Der Aberlour Casg Annamh im Speziellen
Der Casg Annamh erschien 2018 als Batch 0001 und wurde als zugänglichere Ergänzung zum A'bunadh eingeführt, nicht als Ersatz. Er trägt keine Altersangabe; ein Rezensent hält ihn aufgrund leichter Körnigkeit für relativ jung, ohne dass die Brennerei dazu etwas sagt. Zu den Fässern gibt es leicht unterschiedliche Angaben: Die aktuelle Seite der Brennerei nennt sorgfältig ausgewählte Oloroso-Sherry-Butts aus spanischer Eiche, Händler sprechen von einer Mischung aus europäischer Eiche (Sherry), amerikanischer Eiche (Ex-Sherry) und amerikanischer Eiche (Ex-Bourbon). Da die Chargen sich bewusst leicht unterscheiden, ist das nicht zwingend ein Widerspruch. Die Abfüllung erfolgt laut Rezensionen ohne Kühlfiltrierung; die Brennerei selbst macht dazu keine Angabe. Die Qualität wurde ausgezeichnet: Beim ISC 2024 erhielt der Casg Annamh eine Goldmedaille. Preislich liegt er in der Mittelklasse und damit unter dem A'bunadh.
Herstellung: Gerste aus der Region und vier ungleiche Brennblasen
Die Brennerei verarbeitet ungetorftes Malz; als Wasserquelle wird häufig die Birkenbush-Quelle genannt. Gebrannt wird in zwei Paaren Brennblasen: Die beiden Wash Stills fassen jeweils rund 21.300 Liter, die beiden Spirit Stills unterscheiden sich in der Größe (etwa 20.000 und 15.500 Liter). Diese Mischung aus gleichen Wash Stills und ungleichen Spirit Stills ist ein Merkmal des Hauses. Das Ergebnis ist ein weicher, malziger Rohbrand, der im Sherryfass nicht zugedeckt wird. Beim Casg Annamh ist vor allem das Vermählen verschiedener Fässer entscheidend: Weil jede Charge neu zusammengestellt wird, bleibt der Hausstil erhalten, die Nuancen verschieben sich aber von Abfüllung zu Abfüllung.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Goldenes Bernstein, also deutlich heller als ein dunkel gefärbter Sherry-Malt.
- Nase: Spritzige Orange, kandierter Ingwer, Glasurkirsche und Pflaume; mit Zeit kommen Holzwürze, Nuss, reife Melone und etwas grüner Apfel dazu.
- Gaumen: Leicht ölig, zunächst weißer Pfeffer, dann Trockenfrüchte, Zimt, Apfel und Pfirsich, dazu Karamell, Kakao und Malz; ein Hauch Lakritz begleitet die Würze.
- Abgang: Mittellang bis kurz, süß und würzig mit Vanille und Ahornsirup, am Ende kehrt der Pfeffer zurück.
Unabhängige Rezensenten loben die Zugänglichkeit, kritisieren aber den eher knappen Abgang und sehen im A'bunadh den komplexeren Malt. Eine Bewertung von 85 von 100 Punkten für Batch 1 fasst das Meinungsbild gut zusammen: sehr solide, ohne Aufsehen zu erregen.
Genuss-Empfehlung
Der Casg Annamh gehört pur in ein Nosing-Glas wie das Glencairn, bei Zimmertemperatur. Wegen der 48 % vol. verträgt er ein paar Tropfen stilles Wasser, die den Ingwer und die Frucht in der Nase öffnen und die Pfeffernote im Auftakt dämpfen. Eis ist weniger empfehlenswert, weil Kälte die Aromen verschließt und den ohnehin kurzen Abgang weiter verkürzt. Zum Essen passt er zu Käse wie gereiftem Cheddar oder Comté, zu Walnüssen und getrockneten Aprikosen sowie zu Gebäck mit Zimt und Äpfeln; die würzige Süße des Whiskys greift diese Aromen auf. Auch zu dunkler Schokolade mit hohem Kakaoanteil funktioniert er gut, da der Pfeffer der Bitterkeit begegnet.
Fazit
Der Aberlour Casg Annamh ist ein sauber gemachter Sherry-Speysider mit etwas mehr Kraft als die Altersabfüllungen, aber mit einer gewissen Zurückhaltung. Wer mehr Intensität, Tiefe und Rosinen sucht, greift zum Aberlour A'bunadh; wer es weicher und mit 40 % vol. bevorzugt, findet im Aberlour 12 Jahre Double Cask die sanftere Variante. Als Mittelweg mit Batch-Charme ist der Casg Annamh eine empfehlenswerte Flasche, auch wenn das kurze Finale ihn von den ganz großen Sherry-Malts trennt.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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