Cognac

Die Geschichte des Cognacs: Von der Weinnot im 17. Jahrhundert zum Weltprodukt

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Cognac gilt heute als Sinnbild französischer Eleganz, dabei begann seine Geschichte denkbar unglamourös: mit dem Versuch, einen schlechten, kaum lagerfähigen Wein für den Seetransport haltbar zu machen. Dass aus dieser Notlösung eine der prestigeträchtigsten Spirituosen der Welt wurde, ist das Ergebnis von vier Jahrhunderten Handel, Handwerk und – mehr als einmal – purem Überlebenskampf gegen Krieg, Gesetz und Schädlinge.

Weinnot an der Charente: die niederländischen Brenner

Schon im Mittelalter exportierte die Region um die Flüsse Charente und Charente-Maritime Salz und Wein in den Norden Europas, vor allem in die Niederlande, die als führende Seehandelsnation des 16. und 17. Jahrhunderts auf diesen Handel angewiesen waren. Der Wein der Region war jedoch dünn, sauer und für eine lange Schiffsreise denkbar ungeeignet – er verdarb oft, bevor er sein Ziel erreichte. Niederländische Kaufleute begannen deshalb, den Wein vor dem Transport zu destillieren: Das Destillat, "brandewijn" ("gebrannter Wein") genannt, war haltbarer und nahm auf dem Schiff weniger Platz ein als Fassware. Aus "brandewijn" entwickelte sich im Englischen der Begriff "brandy", und aus der pragmatischen Transportlösung wurde über Generationen ein eigenständiges Produkt. Als Brenner im 17. Jahrhundert entdeckten, dass ein zweiter Brand – die Repasse – das Destillat reiner und lagerfähiger machte und es in Eichenfässern an Aroma gewann statt zu verderben, war der Grundstein für das heutige Cognac-Verfahren gelegt.

Die Gründung der großen Häuser im 18. Jahrhundert

Die Stadt Cognac profitierte von ihrer Lage an der schiffbaren Charente, die den direkten Export zu den Atlantikhäfen erlaubte. Im 18. Jahrhundert siedelten sich dort zunehmend ausländische Kaufleute an, die den Branntwein professionalisierten und international vermarkteten. 1715 gründete der von der Kanalinsel Jersey stammende Jean Martell sein Handelshaus und exportierte schon wenige Jahre später jährlich mehrere hunderttausend Liter nach England. 1724 folgte der einheimische Winzer E. Rémy Martin mit einem eigenen Handelshaus, das sich besonders auf Eaux-de-Vie aus der angesehenen Grande-Champagne-Region spezialisierte. Der irische Kaufmannssohn und ehemalige Offizier Richard Hennessy, der zuvor in französischen Diensten gestanden hatte, gründete 1765 sein Haus und baute von Beginn an gezielt Handelsbeziehungen zu seiner alten Heimat Irland und nach Großbritannien auf. Diese drei Häuser – Martell, Rémy Martin und Hennessy – zählen bis heute zu den größten und bekanntesten der Region, ergänzt unter anderem durch Courvoisier und das bis heute familiengeführte Haus Camus, das 1863 als letztes der großen Häuser hinzukam.

Doppelbrand, Fassreifung und Crus als Standard

Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts festigte sich das bis heute gültige Herstellungsverfahren: die doppelte Destillation im kupfernen Alambic Charentais, ausführlich beschrieben im Artikel zur Cognac-Herstellung, gefolgt von jahrelanger Reifung in Fässern aus französischer Eiche. Parallel setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Boden, auf dem die Trauben wuchsen, maßgeblich über die Qualität der Eaux-de-Vie entschied. Der Geologe Henri Coquand kartierte um 1860 systematisch die Böden der Region und wies nach, dass die kreidereichsten Lagen im Zentrum, die spätere Grande Champagne, die feinsten, am langsamsten reifenden Brände lieferten – eine Erkenntnis, die später die Einteilung in sechs Crus begründete.

Die Reblaus-Krise: Fast das Ende der Cognac-Produktion

Was die Region in ihrer Geschichte am stärksten erschütterte, kam nicht aus Frankreich, sondern aus Nordamerika: die Reblaus (Phylloxera vastatrix), ein Schädling, der Mitte des 19. Jahrhunderts unbeabsichtigt über importierte amerikanische Rebstöcke nach Europa gelangte und sich an den Wurzeln der europäischen Weinrebe Vitis vinifera festsetzte. In der Cognac-Region erreichte die Reblaus in den 1870er-Jahren ihren verheerenden Höhepunkt: Bis 1893 waren schätzungsweise rund 80 Prozent der zuvor etwa 280.000 Hektar Rebfläche vernichtet, darunter weite Bestände der traditionsreichen, aromatischen Rebsorte Folle Blanche. Die Region rettete sich nur durch radikale Umstellung: Die anfälligen europäischen Rebstöcke wurden auf widerstandsfähige amerikanische Unterlagsreben aufgepfropft, und als Edelsorte setzte sich zunehmend Ugni Blanc durch – robuster und ertragreicher als die anfälligere Folle Blanche, wenn auch mit etwas neutralerem Aroma. Bis heute ist Ugni Blanc die weit überwiegend angebaute Rebsorte der Appellation, eine direkte Spätfolge dieser Krise.

Gesetzlicher Schutz: Vom Markenrecht zur AOC

Parallel zur Erholung von der Reblaus-Krise wuchs das Bedürfnis, den Namen "Cognac" rechtlich zu schützen, nachdem Betrug und Nachahmungen überhandnahmen. 1857 ermöglichte ein französisches Gesetz erstmals die Eintragung von Markennamen, wovon unter anderem Hennessy früh Gebrauch machte. Per Dekret vom 1. Mai 1909 wurde das Anbaugebiet amtlich abgegrenzt, 1919 folgte die Vorschrift, dass ein Cognac aus genau einer Region und einem Cru stammen müsse. Den entscheidenden Schritt markierte der Erlass vom 15. Mai 1936, mit dem "Cognac" offiziell als Appellation d'origine contrôlée anerkannt wurde, mit genau umrissenen Produktionsregeln und sieben – später auf sechs reduzierten – Crus. 1946 übernahm das neu gegründete Bureau National Interprofessionnel du Cognac (BNIC) die Kontrolle über Reifezeiten und Herkunft, und zwischen 1953 und 1983 wurden die bis heute bekannten Altersklassen VS, VSOP und XO schrittweise gesetzlich festgeschrieben – im Detail erläutert im Artikel zur Cognac-Klassifikation.

Cognac heute: globales Exportprodukt

Aus der einstigen Notlösung für verderblichen Landwein ist längst ein globales Luxusgut geworden. Exportierten die großen Häuser im 19. Jahrhundert noch überwiegend nach Großbritannien und in die USA, verschob sich der Schwerpunkt seit der Jahrtausendwende deutlich Richtung Asien, vor allem China, neben den USA bis heute der größte Absatzmarkt. Hennessy, Martell, Rémy Martin und Courvoisier bündeln bis heute den Großteil der weltweiten Produktion, während kleinere, oft familiengeführte Häuser wie Camus, Frapin oder Delamain gezielt auf Eigenständigkeit und traditionelle Herstellungsweisen setzen. Dass eine einstige Transportlösung für verderblichen Wein heute in edlen Schwenkgläsern rund um den Globus getrunken wird, bleibt die vielleicht bemerkenswerteste Pointe dieser langen Geschichte.