Herstellung des Martell VS:
Mit seiner Gründung 1715 durch den aus Jersey zugewanderten Kaufmann Jean Martell ist Martell das älteste der großen Cognac-Häuser und residiert bis heute am historischen Standort Gâtebourse in der Stadt Cognac; seit 2001 gehört das Unternehmen zum französischen Spirituosenkonzern Pernod Ricard. Während die 1912 eingeführte Prestigelinie Cordon Bleu das obere Ende des Sortiments markiert, bildet der VS ("Very Special") das genaue Gegenstück dazu: Für die meisten Menschen weltweit ist er der erste Kontakt mit dem Haus überhaupt – ein Umstand, der ihn zur mengenmäßig wichtigsten Abfüllung im Martell-Portfolio macht, ohne dass dabei an handwerklicher Sorgfalt gespart wird.
Basis ist wie bei jedem Cognac die weiße Rebsorte Ugni Blanc, die zu einem sauren, alkoholarmen Grundwein vergoren und anschließend zweifach in kupfernen Charentais-Brennblasen destilliert wird. Martell hält dabei an einer hausinternen Besonderheit fest, die sich durch das gesamte Sortiment zieht: Der Wein wird ohne Feinhefe ("sans lies") destilliert, also vorab vom Trub befreit, was dem Destillat schon in jungen Jahren eine auffällige Reintönigkeit verleiht – ein Vorteil, der sich gerade bei einer kurz gereiften Abfüllung wie dem VS bemerkbar macht, da hier weniger Fassjahre zur Verfügung stehen, um Unreinheiten abzurunden. Für den VS verschneidet Martell zwischen 20 und 30 Eaux-de-Vie mit klarem Schwerpunkt auf dem Cru Fins Bois, ergänzt durch kleinere Anteile aus Borderies sowie Grande- und Petite-Champagne. Gereift wird mindestens die gesetzlich vorgeschriebene Mindestzeit von zwei Jahren in Fässern aus feinporiger Tronçais-Eiche, bevor die finale Assemblage durch das hauseigene Kellermeisterteam erfolgt.
Verkostung des Martell VS:
In der Nase zeigt sich der Martell VS klar goldbernsteinfarben und präsentiert ein helles, fruchtbetontes Bild: grüne Trauben und ein Hauch Mokka treffen auf Karamell und Vanillefudge, während im Hintergrund dezente florale Nuancen mitschwingen. Am Gaumen entfaltet sich eine fruchtig-honigartige Süße, die von sanfter Würze getragen wird – Zimt tritt dabei am deutlichsten hervor, begleitet von Aprikose und einem Spritzer Zitrus. Die kurze Fassreifung sorgt dafür, dass der Holzeinfluss zurückhaltend bleibt und die jugendliche Frucht des Fins-Bois-Anteils im Vordergrund steht. Der Abgang ist mittellang, fruchtig-nussig und von einer leichten Würzschärfe aus Kaffee und Veilchenblüte geprägt. Mit 40 % vol. zeigt sich der VS unkompliziert und zugänglich, ohne dabei flach zu wirken.
Steckbrief Martell VS:
Alkoholgehalt: 40 % vol.
Klassifikation: VS (Very Special)
Fassreifung: mindestens 2 Jahre, Tronçais-Eiche
Hersteller: Martell (Pernod Ricard), Cognac, Frankreich
Herstellung im Detail: Warum Fins Bois dem VS seine Frische gibt
Fins Bois ist flächenmäßig das größte der sechs Cognac-Crus und umschließt ringförmig die kleineren, prestigeträchtigeren Lagen Grande Champagne, Petite Champagne und Borderies. Die dort erzeugten Eaux-de-Vie reifen durch die unterschiedliche Bodenbeschaffenheit tendenziell schneller zur Trinkreife als jene aus den Champagne-Crus, die mitunter jahrzehntelange Reifung benötigen, um ihr volles Potenzial zu entfalten. Für eine Abfüllung mit gesetzlichem Mindestalter von nur zwei Jahren ist das ein entscheidender Vorteil: Die Fins-Bois-Eaux-de-Vie bringen von Anfang an eine zugängliche, fruchtige Reife mit, die junge, holzarme Abfüllungen wie den VS deutlich lebendiger wirken lässt als es reine Champagne-Destillate in derselben Reifezeit könnten.
Im Vergleich zum stark Borderies-geprägten Cordon Bleu, bei dem die florale Veilchen-Note der Borderies bewusst in den Vordergrund gerückt wird, spielt dieser Cru beim VS nur eine unterstützende Nebenrolle – die Hauptlast der Aromatik trägt hier die breite Fins-Bois-Basis. Diese unterschiedliche Cru-Gewichtung zeigt eindrücklich, wie flexibel Martell sein großes Reservoir an Eaux-de-Vie unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters einsetzt, um je nach Zielprofil – frisch und zugänglich beim VS, komplex und blumig beim Cordon Bleu – ganz unterschiedliche Stilrichtungen innerhalb desselben Hauses zu realisieren.
Möglich wird diese Flexibilität auch durch die Größe der Martell-eigenen Destillerie Gallienne, in der ein Teil der hauseigenen Eaux-de-Vie entsteht, ergänzt durch Zukäufe von Winzer-Partnern aus der gesamten Region. Da für den VS vergleichsweise junge, schnell zugängliche Jahrgänge benötigt werden, kann das Kellermeisterteam hier aus einem kontinuierlich nachwachsenden Bestand an Fins-Bois-Fässern schöpfen, ohne auf die raren, langsamer reifenden Champagne-Partien zurückgreifen zu müssen, die für höhere Klassifikationsstufen zurückgehalten werden.
Genuss-Empfehlung
Der Martell VS zeigt sich am vielseitigsten im Tumbler auf Eis, wo die Kälte die fruchtigen Noten betont, ohne die ohnehin zarte Struktur zu überfordern. In der Bar bildet er eine solide Basis für klassische Cocktails wie den Sidecar oder einen einfachen Martell & Ginger Ale, die seine frische Frucht und leichte Würze gut zur Geltung bringen. Pur bei Zimmertemperatur eignet er sich zudem als unkomplizierter Aperitif; als Food-Pairing passen milde Nüsse oder helle Schokolade besser als schwere, rauchige Begleiter, die seine zarteren Aromen überdecken würden. Wer den VS zum ersten Mal verkostet, sollte ihn zunächst ganz ohne Beimischung probieren, um die fruchtige Fins-Bois-Signatur kennenzulernen, bevor er in Longdrinks eingesetzt wird.
Einordnung & Alternativen
- Hennessy VS – setzt auf Blend-Breite statt Cru-Fokus und wirkt dadurch etwas neutraler in der Frucht.
- Martell VSOP – eine Reifestufe höher mit mehr Fass- und Borderies-Tiefe aus demselben Haus.
- Martell Cordon Bleu – die weit komplexere, Borderies-geprägte Prestigeabfüllung für alle, die mehr Tiefe suchen.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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