Mortlach 12 Jahre – Der Gegenentwurf zum leichten Speyside
Im Städtchen Dufftown, das für seine große Zahl an Brennereien bekannt ist, steht eine Anlage, die kaum nach den üblichen Speyside-Regeln spielt: Mortlach. Der Whisky gilt als kräftig, würzig und fleischig, nicht als blumig-leicht, und trägt deshalb den Beinamen „The Beast of Dufftown“. Der Mortlach 12 Jahre, auf dem Etikett auch „The Wee Witchie“ genannt, ist die Einstiegsabfüllung der aktuellen Kernreihe. Er wird mit 43,4 % vol. abgefüllt und reift in einer Mischung aus Ex-Bourbon- und Ex-Sherry-Fässern.
Geschichte: Dufftowns erste Lizenz
Mortlach wurde nach den meisten Quellen 1823 gegründet und war die erste lizenzierte Brennerei von Dufftown. Als Gründer werden James Findlater, Donald Mackintosh und Alexander Gordon genannt. Im 19. Jahrhundert prägte dann die Familie Cowie den Betrieb: George Cowie stieg 1853 ein und war ab 1867 alleiniger Eigentümer; sein Sohn Alexander baute die Anlage aus und ließ ein Bahngleis zum Dufftown-Bahnhof verlegen. Später gelangte Mortlach über John Walker & Sons und die Distillers Company zu Diageo. Als Single Malt trat die Marke lange kaum in Erscheinung, weil der Großteil des Destillats in Blends wie Johnnie Walker verschwand.
Gründung, Besitzer und Hausstil der Brennerei beschreibt das Porträt Mortlach Distillery – Speyside.
Der Mortlach 12 im Speziellen
Das heutige Sortiment hat eine bewegte Vorgeschichte. 2014 brachte Diageo Mortlach als hochpreisigen Premium-Malt neu heraus, mit Rare Old, Special Strength sowie 18 und 25 Jahren, teils in kleineren 50-cl-Flaschen. Das stieß bei vielen Whisky-Fans auf Kritik. Im Herbst 2018 folgte der Neustart mit Altersangaben und 0,7-Liter-Flaschen: 12 Jahre („The Wee Witchie“), 16 Jahre („Distiller’s Dram“) und 20 Jahre („Cowie’s Blue Seal“), alle mit 43,4 % vol. Diese Stärke soll laut Hersteller dem historischen Abfüllgrad der Brennerei entsprechen. Der 12-Jährige kombiniert amerikanische und europäische Eiche aus Bourbon- und Sherryvorbelegung und ist damit der zugänglichste, aber keineswegs zahme Einstieg. Auf den Herstellerseiten wird er weiterhin als reguläre Abfüllung geführt. Die Fassmischung sorgt für den Spagat: Bourbonfässer liefern Vanille, Toffee und Frucht, Sherryfässer steuern Gewürze, Trockenfrüchte und etwas Schwere bei. Das hilft, dem kräftigen Destillat ein rundes Profil zu geben, ohne es zuzudecken.
Herstellung: Was „2,81-fach“ bedeutet
Der Name „2,81-fache Destillation“ ist ein Begriff der Marke und keine physikalische Größe. Er beschreibt einen ungewöhnlichen Ablauf über sechs Brennblasen, bei dem nicht alles gleich oft gebrannt wird. Nach gängiger Darstellung wird das Ergebnis der ersten Destillation aufgeteilt: Ein Teil läuft nach dem üblichen Muster durch eine Spirit Still, ein weiterer Teil durch eine andere, und ein schwacher Anteil wandert in die kleinste Blase, die „Wee Witchie“, und wird dort ein weiteres Mal gebrannt. Die Zahl 2,81 ist demnach ein gewichteter Durchschnitt, kein wörtlicher Zählerstand. Welche Anteile genau in welche Blase fließen, hält die Brennerei offiziell geheim; Quellen nennen deshalb abweichende Details, etwa rund 20 Prozent für die Wee Witchie.
Hinzu kommen Wormtubs, also Kondensationsschlangen im Wasserbad. Weil dabei weniger Kupferkontakt entsteht als in modernen Kühlern, bleiben schwefelige, fleischige Verbindungen eher im Destillat, was das Gewicht der Spirituose erklärt. Wer verstehen möchte, warum Sherry- und Bourbonfässer so unterschiedlich wirken, findet Grundlagen unter Whisky-Fassreifung erklärt.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Mittleres bis dunkles Bernstein.
- Nase: Reichhaltig, mit Sandelholz, gerösteter Eiche, Karamell und roten Beeren; dazu Pfirsich, Orangenschale und ein erkennbar fleischig-herzhafter Unterton.
- Gaumen: Mittlerer bis voller Körper mit Demerara-Zucker, dunkler Schokolade, Kirschmarmelade, Zimt, Lebkuchen und leichtem Tabak.
- Abgang: Mittellang, trocken und würzig, mit Pflaume, ausklingender Eiche und etwas Zitrusbitterkeit.
Genuss-Empfehlung
Der Mortlach 12 braucht etwas Geduld. Pur im Glas mit enger Öffnung wirkt er anfangs dicht und herzhaft; der Hersteller empfiehlt ausdrücklich einen Schuss Wasser, damit die Süße nach vorn kommt. Eis bremst die fleischigen Noten stark aus und nimmt dem Whisky seine Textur. Als Absacker nach einem deftigen Essen kommt seine herzhafte Seite besonders gut zur Geltung, und ein Nosing-Glas hilft, die verschiedenen Schichten getrennt wahrzunehmen. Gut passen gegrilltes Fleisch, gereifter Cheddar, Bitterschokolade oder ein herzhafter Wildbraten, deren Röstaromen die Würze des Whiskys aufnehmen, ohne ihn zu übertönen.
Einordnung & Alternativen
- Singleton of Dufftown 12 Jahre – gleicher Ort und gleicher Konzern, aber weich, nussig und deutlich leichter.
- GlenDronach 15 Jahre Revival – ebenfalls sherrygeprägt, jedoch süßer, runder und ohne die fleischige Schwere.
- Clynelish 14 Jahre – ein anderer Weg zu einem gewichtigen Malt, mit wachsigen und maritimen statt herzhaften Noten.
Fazit
Der Mortlach 12 Jahre ist keine Wundertüte, aber eine eigenständige Stimme: ein kräftiger, würziger Speyside, der sich vom üblichen Fruchtprofil klar abhebt. Die 2,81-fache Destillation ist dabei vor allem eine eindrucksvolle Marketingformel für ein reales, aufwendiges Brennverfahren. Wer fleischig-herzhafte Aromen mag und dem Destillat etwas Zeit im Glas gibt, liegt hier richtig; wer weiche, helle Whiskys bevorzugt, findet in der Nachbarschaft Besseres. Wir vergeben 4,2 von 5 Punkten: ein gelungener, charaktervoller Standard, der von einer etwas höheren Abfüllstärke noch profitieren würde.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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