Gin
Alkoholfreier Gin: Wie entstehen Gin-Alternativen ohne Alkohol?
Auf kaum einem Etikett steht so oft ein Wort, das dort eigentlich gar nicht stehen dürfte, wie bei alkoholfreiem Gin: Die EU-Spirituosenverordnung schreibt für die Bezeichnung "Gin" einen Mindestalkoholgehalt von 37,5 % vol. vor – ein Produkt ohne oder mit nur minimalem Alkoholgehalt darf sich damit streng genommen nicht Gin nennen, auch wenn genau dieser Begriff in Produktnamen wie Windspiel Alkoholfrei oder Berliner Brandstifter No Gin Alkoholfrei auftaucht. Trotz dieser Grauzone ist aus einer Handvoll früher Nischenprodukte inzwischen eine der vier großen Stilgruppen geworden, in die der Katalog Gins einteilt – neben London Dry, New Western Dry und den übrigen Stilen.
Warum "Gin" und "alkoholfrei" sich rechtlich ausschließen
Die zentrale Hürde liegt schlicht im Gesetz: Nach der EU-Verordnung 2019/787 ist Gin als Spirituose definiert, und jede Spirituose muss mindestens 37,5 % vol. Alkohol enthalten. Ein Produkt mit 0,0 % oder auch nur wenigen Zehntelprozent Alkohol erfüllt diese Voraussetzung nicht und darf die geschützte Bezeichnung "Gin" formal nicht tragen. In der Praxis behelfen sich Hersteller deshalb mit Umschreibungen wie "alkoholfreie Spirituose", "Distilled Non-Alcoholic Spirit" oder schlicht "Gin-Alternative" – so etwa bei Fluère Gin-Alternative oder Lyre's Dry London Spirit. Lebensmittelrechtler rechnen sogar damit, dass künftige Leitlinien den Umgang mit dem Begriff noch enger fassen könnten, da er trotz der Umschreibungen weiterhin suggeriert, im Glas stünde ein Verwandter des klassischen Wacholderdestillats.
Weg eins: Ein fertiger Gin wird nachträglich entalkoholisiert
Der in der Praxis häufigste Weg vieler großer Marken führt zunächst ganz klassisch über einen vollwertigen, mit Wacholder und weiteren Botanicals destillierten Gin – und entzieht ihm erst danach den Alkohol. Weil Ethanol bei niedrigerem Druck bereits bei deutlich geringeren Temperaturen siedet als bei Normaldruck, lässt sich der Alkohol per Vakuumdestillation schonend aus dem fertigen Gin entfernen, ohne die hitzeempfindlichen ätherischen Öle der Botanicals ebenfalls zu verkochen. Tanqueray 0,0% und Gordon's 0,0% etwa gehen diesen Weg: Beide starten technisch von der bekannten Gin-Rezeptur ihrer alkoholhaltigen Geschwister und entfernen den Alkohol erst im letzten Produktionsschritt – ein Verfahren, das dem entalkoholisierten Wein oder Bier technisch verwandt ist.
Weg zwei: Kaltmazeration und Destillation ganz ohne Trinkalkohol im Endprodukt
Ein zweiter, aufwendigerer Ansatz verzichtet von Beginn an auf einen fertigen, hochprozentigen Gin als Ausgangsbasis. Seedlip, einer der Pioniere der Kategorie, extrahiert die Aromen von Wacholder, Zitrusschalen und weiteren Botanicals über mehrere Wochen per Kaltmazeration und anschließender Destillation, wobei als Zwischenschritt zunächst noch Alkohol als Lösungsmittel zum Einsatz kommt, der im weiteren Verfahren vollständig wieder abgetrennt wird. Seedlip Garden 108 mit seiner floral-krautigen Botanicals-Mischung und Seedlip Spice 94 mit seiner würzigeren Kardamom- und Piment-Note zeigen, wie unterschiedlich sich dieses Verfahren rezeptseitig ausgestalten lässt, ohne dass am Ende messbarer Trinkalkohol im Produkt verbleibt.
Die eigentliche Herausforderung: Ethanol als Aroma- und Texturträger
Was auf den ersten Blick nach einer bloßen Frage der Rezeptur klingt, ist in Wahrheit ein handfestes chemisches Problem: Ethanol löst viele Aromastoffe der Botanicals überhaupt erst in einer Form, die die Zunge wahrnehmen kann, und sorgt gleichzeitig für das cremig-wärmende Mundgefühl, das einen Gin von reinem Wasser mit Geschmack unterscheidet. Fällt der Alkohol weg, geht spürbar sowohl an aromatischer als auch an texturaler Intensität etwas verloren – ein Effekt, dem Hersteller nur mit deutlich größeren Mengen an Botanicals pro Liter entgegenwirken können, was die Produktionskosten der Kategorie merklich in die Höhe treibt. Hinzu kommt ein Problem, das bei klassischem Gin gar nicht erst auftritt: Ohne den mindestens 37,5-prozentigen Alkoholanteil als natürliches Konservierungsmittel ist alkoholfreier Gin grundsätzlich mikrobiell angreifbar. Hersteller setzen deshalb häufig auf zugelassene Konservierungsstoffe wie Kaliumsorbat sowie auf Säuerungsmittel wie Apfel- oder Zitronensäure, teils auch auf Verdickungsmittel wie Pektin, um das fehlende Mundgefühl des Alkohols zumindest ansatzweise nachzubilden. Auch an die Hygiene in der Produktion selbst stellt das andere, strengere Anforderungen als an eine gewöhnliche Spirituosenabfüllung.
Vom Nischenprodukt zur eigenen Stilgruppe
Trotz dieser Hürden ist die Kategorie in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen: Neben den bereits genannten Beispielen zählen unter anderem Damrak Virgin 0.0, Ceder's Classic, Knut Hansen 0.0, Pentire Adrift, Sabatini GinO°, Strykk Not Gin, ISH Spirits GinISH, Siegfried Wonderleaf, The Duke Entgeistert, CleanCo Clean G, Undone No. 2 Juniper Type, Monday Zero Alcohol Gin und Needle Alkoholfrei zu den mittlerweile über zwanzig Etiketten, die im Katalog unter "Alkoholfreier Gin" geführt werden. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie sich vor allem in Kombination mit Tonic Water bewähren sollen – dort überdeckt die Kohlensäure und Bitterkeit des Tonics einen Teil der fehlenden alkoholischen Textur, weshalb die alkoholfreie Version des Gin & Tonic inzwischen ein fester Bestandteil vieler Barkarten geworden ist, ganz ohne dass jemand am Ende der Nacht auf ein Taxi angewiesen wäre.