Bruichladdich Islay Barley – Ein Jahrgang Gerste von der Insel
Der Bruichladdich Islay Barley ist ein ungetorfter Single Malt, der ausschließlich aus Gerste von Farmen auf Islay gebrannt wird – auf der Insel der Rauchwhiskys ein bewusster Gegenentwurf. Er erscheint als Jahrgangsabfüllung mit 50 % vol., ohne Kühlfiltration und ohne Farbstoff. Statt Torf stehen Getreide, Honig und Obst im Vordergrund, und die Herkunft der Gerste ist das erklärte Thema der Reihe.
Geschichte: Stillstand und Neubeginn am Loch Indaal
Bruichladdich wurde 1881 von den Brüdern William, John Gourlay und Robert Harvey am Loch Indaal gebaut und sollte als „moderne“ Alternative zu den Bauernhofbrennereien der Insel gelten. Der Betrieb ruhte immer wieder: Nach Angaben von Nachschlagewerken lag er zwischen 1907 und 1918, 1929 und 1935 sowie 1941 und 1945 still. Am längsten dauerte die Pause von 1994 bis 2000, nachdem der damalige Eigentümer Whyte & Mackay die Anlage als überflüssig eingestuft und geschlossen hatte.
Am 19. Dezember 2000 kaufte eine Gruppe privater Investoren um Mark Reynier die Brennerei; Jim McEwan, zuvor bei Bowmore, wurde Master Distiller. 2001 wurde die Anlage zerlegt, wieder aufgebaut und in Betrieb genommen. 2012 übernahm Rémy Cointreau das Unternehmen. Gerade in der Phase der Wiederbelebung wurde die Herkunft der Gerste zum Markenzeichen, und Gerste von Islay wird seit 2004 eingesetzt. Zur Einordnung der Brennerei dient das Porträt Bruichladdich Distillery – Islay.
Der Bruichladdich Islay Barley im Speziellen
Die Reihe erscheint in Jahrgängen. Die Händlerangaben zum genauen Brennjahr widersprechen sich bei einzelnen Ausgaben teilweise, wir halten uns deshalb an die Bezeichnung auf dem Etikett. Der Jahrgang 2013 war nach Angaben der Brennerei die achte Edition der Reihe, erschien im März 2022 und stammte von sieben Farmen der Insel. Der hier beschriebene Jahrgang trägt die Bezeichnung 2014 und ist nach Händlerangaben acht Jahre gereift. Die Gerste besteht aus den Sorten Concerto und Propino. Die Fassmischung wird mit 80 % First-Fill-Bourbonfässern, 5 % Second-Fill-Sherry-Butts und 15 % Second-Fill-Weinfässern angegeben.
Preislich ordnet sich der Islay Barley in der Mittelklasse ein. Anders als der Bruichladdich The Classic Laddie, der schottische Gerste verwendet, kommt hier das gesamte Getreide von der Insel. Zu den Stärken zählen die Transparenz und die klare Getreidenote; ein Rezensent beschreibt den Whisky als „spirit forward“, also stark vom Destillat geprägt, mit kräftigem Getreidecharakter.
Herstellung: Viktorianische Technik, Farmen und Gerste
Das Destillat entsteht an einer Anlage, die 2001 zerlegt und wieder aufgebaut wurde, mit weitgehend erhaltener viktorianischer Technik. Dazu gehört nach Herstellerangaben ein offener, rund sieben Tonnen fassender Maischebottich, einer der wenigen noch genutzten seiner Art. Gebrannt wird in zwei Wash Stills von etwa 12.000 Litern und zwei Spirit Stills von etwa 11.000 Litern; die Angaben dazu schwanken je nach Quelle. Die Produktion läuft nach Angaben von Nachschlagewerken schwerkraftgetrieben und ohne Computersteuerung.
Entscheidend für die Reihe ist die Zusammenarbeit mit Landwirten: Die Brennerei arbeitet nach eigenen Angaben mit rund neunzehn Farmen zusammen; wo möglich, werden Farmen und Felder auf der Verpackung genannt. Die Gerste des 2014er-Jahrgangs wird als „Islay-grown“ beschrieben, die Edition insgesamt als ungetorft und „vollständig rückverfolgbar“. Wie sich Jahrgänge unterscheiden, ist der eigentliche Reiz: Boden, Wetter und Sorte wirken stärker durch, weil keine Rauchnote sie überdeckt.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Helles Gold, natürliche Farbe.
- Nase: Zarte Blüten, süßes Malz und weiche Gewürze, dahinter Steinobst, Vanillecreme, Honiggerste, grüner Apfel und etwas Butterscotch. Je nach Verkoster zeigen sich Aprikose, Geißblatt, Haselnuss und eine leichte Brise Meeresluft.
- Gaumen: Cremig-süß mit Vanille, Zitrone, Muskat, Porridge und Popcorn, dazu Pfirsich, Aprikose und Birne; ein Hauch Weinreichtum, Heidehonig, Nelke und weißer Pfeffer. Mit etwas Wasser treten feine maritime Töne hervor.
- Abgang: Mittellang bis lang, mit Gerstenzucker, Zitrusöl, Vanillepudding und leichter Würze; dazu ein floraler Nachklang und eine Spur Salz.
Genuss-Empfehlung
Die Zartheit des Destillats verlangt ein Nosing-Glas und wenig Eile: pur bei Zimmertemperatur, anfangs ohne Wasser; ein Tropfen kann die Meeresnote hervorlocken. Eiswürfel würden die feinen Blüten- und Getreidetöne dämpfen. Zu Tisch passen Gerichte, die ebenso zurückhaltend sind: mildes Ziegenfrischkäse-Crostini mit Honig, gebratene Jakobsmuscheln, Ofenfisch mit Zitrone oder ein Apfel-Tarte-Dessert mit Vanille. Wer Gerste und Obst im Whisky mag, kann ihn auch als Aperitif servieren, etwa vor einem leichten Essen.
Fazit
Der Bruichladdich Islay Barley ist ein feiner, getreidegeprägter Malt für alle, die Islay jenseits von Torf entdecken wollen. Wer den ungetorften Hausstil von Bruichladdich allgemein kennenlernen möchte, beginnt mit dem Bruichladdich Classic Laddie; wer es mit Rauch sucht, probiert den Port Charlotte 10 Jahre aus derselben Brennerei. Der Islay Barley ist kein Spektakel, sondern ein Whisky der leisen Töne – mit Charme, wenn man sich auf ihn einlässt. Unabhängige Wertungen liegen im oberen Bereich; entscheidend ist der jeweilige Jahrgang.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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