Herstellung des Martell XO:
Das Haus Martell gründete 1715 der aus Jersey stammende Kaufmann Jean Martell in der Stadt Cognac; seit 2001 gehört es zu Pernod Ricard. Zur Geschichte der Marke ist an anderer Stelle im Katalog schon viel gesagt, beim XO interessiert vor allem, was sich im Glas anders verhält als bei den jüngeren Martell-Qualitäten. Er ist die klassisch gebaute Spitzenabfüllung des Sortiments, in der das Haus mehrere Terroirs bewusst gegeneinander ausspielt, statt einen einzelnen Cru in den Vordergrund zu stellen.
Nach den Angaben des Handels besteht der Blend aus Eaux-de-Vie der Grande Champagne, der Petite Champagne und der Borderies. Dazu passt ein Grundprinzip der Martell-Brennerei: Der Wein wird ohne Hefesatz ("sans lies") destilliert, was ein klareres, weniger buttrig-nussiges Destillat ergibt als bei Häusern, die die Hefe mitbrennen. Gereift wird in feinporigen Fässern aus französischer Eiche. Für die enthaltenen Brände nennen Händler Alter zwischen 15 und 35 Jahren, das liegt weit über dem seit 2018 geltenden XO-Minimum von zehn Jahren. Eine verbindliche Altersangabe des Hauses selbst gibt es dafür nicht, es handelt sich also um eine Größenordnung, nicht um einen Garantiewert.
Verkostung des Martell XO:
Im Glas leuchtet der Martell XO in goldenem Bernstein mit mahagonifarbenen und rötlich-kupfernen Reflexen. Die Nase beginnt ungewöhnlich würzig: schwarzer Pfeffer und frischer Koriander stehen vorn, bevor sich getrocknete Feige, Walnuss und ein Hauch Sandelholz entwickeln. Fruchtige Süße ist vorhanden, bleibt aber im Hintergrund, die kräuterig-gewürzhafte Seite führt. Am Gaumen setzt sich das fort, mit kandierter Feige, Walnuss und einer dezent moschusartigen Tiefe, dazu Leder und ein Anklang von hellem Tabak. Die Textur ist rund, ohne ölig zu werden, und die Holzstruktur bleibt präsent, ohne zu dominieren. Im Abgang tauchen Mokka und süße Gewürze auf, er ist lang und trocknet sanft aus. Mit 40 % vol. wirkt der XO kontrolliert und ernsthaft, weniger verführerisch-blumig als ein Borderies-geprägter Cognac und weniger vanillig als manche Mitbewerber.
Steckbrief Martell XO:
Alkoholgehalt: 40 % vol.
Klassifikation: XO (Mindestreife zehn Jahre)
Fassreifung: Blend aus Grande Champagne, Petite Champagne und Borderies, feinporige französische Eiche
Hersteller: Martell (Pernod Ricard), Cognac, Frankreich
Herstellung im Detail: Drei Crus, drei Aufgaben im Blend
Dass ein XO aus mehreren Crus gebaut wird, ist keine Besonderheit, interessant wird es bei der Rollenverteilung. Die Grande Champagne liefert auf ihren kreidigen Böden kräftige, langlebige Brände mit festem Rückgrat, die erst nach Jahrzehnten in Holz richtig aufblühen. Die Petite Champagne ergänzt Fülle und Würze, die Borderies, das kleinste Gebiet, steuert die weichere, rundere Komponente bei. Ein Händlertext beschreibt das Prinzip des Hauses entsprechend als Zusammenspiel der "rauen Elemente" der Grande Champagne mit der Geschmeidigkeit der Borderies. Wie viel von welchem Cru tatsächlich im Blend steckt, veröffentlicht Martell nicht, die Zusammenstellung bleibt Sache des Kellermeisters.
Ebenso prägend ist die hefefreie Brennung. Weil kaum Trubstoffe in die Blase gelangen, fehlt dem jungen Destillat ein Teil der fetten, nussigen Töne, die "sur lie" gebrannte Cognacs auszeichnen. Dieses schlanke Fundament verträgt sehr lange Lagerzeiten, ohne breiig zu werden, und erklärt, weshalb der Martell XO eher nach Gewürzen, Leder und Trockenfrucht als nach Gebäck und Karamell schmeckt. Die Kehrseite: Wer sehr üppige, cremige Cognacs sucht, findet hier weniger Rundung. Das ist ein Stilmerkmal, kein Mangel, und im Vergleich mit dem Sortiment-Flaggschiff Cordon Bleu hört man den Unterschied: Dort bestimmt die Borderies den Ton, im XO sind es die Würze und die Struktur der Champagne-Lagen.
Genuss-Empfehlung
Für den Martell XO lohnt sich ein kleines, nach oben leicht verjüngtes Nosing-Glas, in dem sich Pfeffer und Koriander sammeln; er wird bei etwa 18 bis 20 Grad serviert. Zwei, drei Minuten Luftkontakt nehmen der Nase die anfängliche Schärfe. Weitere Ideen:
- Zu Entenleber: Ein Stück Foie gras oder eine Entenleberterrine mit Feigenchutney greift die Trockenfrucht des Cognacs direkt auf.
- Zu Walnusskuchen oder Pecannuss-Tarte: Die Nussaromen des Brandes treffen auf gerösteten Teig, ohne dass es zu süß wird.
- Zu gereiftem Gouda: Die Kristalle im Käse und die Feigennote im Glas ergänzen sich, der Käse bremst zugleich die Gewürzigkeit.
- Als Digestif nach dem Hauptgang: Ein kleiner Schluck genügt, der Abgang trägt lange nach.
Im Cocktail wäre der XO verschwendet, hier gehört er pur ins Glas. Mehr zu Temperatur und Glasform steht in unserem Ratgeber Cognac richtig genießen.
Der Martell XO sitzt in der Reihe der großen Häuser in einer interessanten Mitte: preislich im Premium-Segment, im Stil aber ein Gegenentwurf zu den süßlich-vanilligen Vertretern. Wer in der Einordnung nach Alter und Kategorie Orientierung sucht, findet sie im Beitrag zur Cognac-Klassifikation.
Einordnung & Alternativen
- Hennessy XO – ebenfalls ein Multi-Cru-XO, doch dichter und oxidativer mit Trockenobst, kandierter Orange und dunkler Schokolade, wo der Martell kühler und gewürzbetonter auftritt.
- Rémy Martin XO – reiner Fine-Champagne-Blend ohne Borderies, mit Pflaume, kandierter Orange und floraler Grundnote, also fruchtiger und weicher als der pfeffrig-kräuterige Martell.
- Courvoisier XO – Multi-Cru mit Borderies-Anteil, aber füllig-süß mit Crème brûlée und Irisblüte statt Koriander und Leder.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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