Templeton Rye 6 Jahre – der leichte Rye mit der Orangennote
Der Templeton Rye 6 Jahre ist die ältere Standardabfüllung einer Marke, die wie kaum eine andere vom Zusammenspiel aus Prohibitions-Legende und Marketing lebt. Im Glas steht ein vergleichsweise zurückhaltender Roggenwhiskey mit 45,75 % vol., der weniger auf Schärfe setzt als auf Zitrus, Zimt und etwas Kräuterwürze. Wer einen Rye sucht, der nicht nach Pfeffer und Dill schreit, findet hier einen sanften Einstieg, sollte die Herkunftsgeschichte der Marke aber mit einem kritischen Blick lesen.
Geschichte: Prohibitions-Legende und Neustart
Die Markengeschichte beginnt nach Hersteller- und Pressedarstellung bei Alphons Kerkhoff, der in den 1920er-Jahren in Templeton im US-Bundesstaat Iowa Roggenwhiskey gebrannt und Richtung Chicago geliefert haben soll. Das Rezept ruhte danach Jahrzehnte, bis Nachfahren die Familiengeschichte 2001 wieder aufgriffen; verkauft wird der Whiskey seit 2006. Nach Wikipedia wurde er zunächst nicht in Iowa gebrannt, sondern von MGP in Lawrenceburg, Indiana, produziert und gereift und im Ort Templeton abgefüllt.
Dieser Umstand hat der Marke Ärger eingebracht: Eine Sammelklage endete 2015 mit einem Vergleich, in dessen Folge das Etikett den Hinweis „distilled in Indiana“ erhielt und Formulierungen wie „Prohibition Era Recipe“ und „small batch“ verschwanden. Wikipedia nennt zudem eine Aromenformulierung eines Zulieferers (Clarendon Flavor Engineers), die dem Whiskey zugesetzt wird. Für die Einordnung ist das wichtig: Templeton ist weniger ein Brenner-Handwerk der Prohibitionszeit als ein sorgfältig vermarkteter Abfüller-Rye.
Seit 2018 betreibt die Marke eine eigene Brennerei in Templeton. Sie wurde laut Fachpresse mit 35 Millionen US-Dollar errichtet und im August jenes Jahres eröffnet; heute gehört Templeton zum Portfolio des kalifornischen Spirituosenhauses Infinium Spirits. Seit 2019 wird die Marke außerhalb der USA verkauft und ist nach Unternehmensangaben in über 70 Ländern erhältlich. Zur Einordnung des Stils empfehlen wir unseren Artikel Rye Whiskey: Geschichte, Gesetz und das große Comeback.
Der Templeton Rye 6 Jahre im Speziellen
Neben der vierjährigen Basisversion mit 40 % vol. und einer zehnjährigen Single-Barrel-Abfüllung gehört der Sechsjährige zur festen Produktfamilie. Er kommt mit 45,75 % vol. (91,5 Proof) in die Flasche, also mit spürbar mehr Stärke als die Basis. Eine Altersangabe ist in den USA nur bei Straight Whiskeys unter vier Jahren Pflicht; hier ist sie freiwillig und gibt eine verlässliche Orientierung. Wie diese Begriffe zusammenhängen, erklärt der Beitrag Straight, Bottled-in-Bond und Altersangaben.
Zur Rezeptur macht der Hersteller keine eindeutige Angabe für die Sechsjahres-Abfüllung. Für die vierjährige Version nennt ein Tester 95 % Roggen und 5 % gemälzte Gerste; diese Angabe stammt aus einer älteren Besprechung und gilt für den Sechsjährigen nur eingeschränkt. Wie viel eigenes Destillat aus Iowa heute in der Flasche steckt, lässt sich aus den öffentlichen Quellen nicht eindeutig ableiten.
Verkostungsnotiz
Die folgende Beschreibung stützt sich auf Herstellerangaben und veröffentlichte Verkostungsnotizen, etwa der Redaktion von Whisky Advocate, die dem Whiskey 87 Punkte gab.
- Farbe: Bernstein bis Kupfer.
- Nase: Deutlich zitrusbetont – Orangenblüte, Orangenschale und kandierte Orange, dazu Lakritz, Salbei, Honig und ein Hauch Blaubeere.
- Gaumen: Leichter Körper mit einer feinen Herbe. Beeren und Orange treffen auf Minze und Zimt; die Würze bleibt sanft.
- Abgang: Mittellang, Frucht und Zimt führen, dazu Nuss und eine leicht kräuterig-harzige Note.
Genuss-Empfehlung
Der Templeton 6 zeigt seine Stärken in der Mitte zwischen Sipper und Cocktail. Pur oder mit einem Tropfen Wasser im Nosing-Glas kommt die Orangenfrucht am besten zur Geltung; zu viel Eis nimmt ihm schnell die Substanz. In einem Old Fashioned mit Orangenzeste und einem Hauch Zuckersirup spielt die Zitrusnote mit, im Manhattan vermittelt er zwischen Wermut und Bitters, ohne sie zu überdecken. Kulinarisch passt er zu gebeiztem Lachs, mildem Ziegenkäse oder Orangen-Schokoladendessert. Wie immer gilt: bewusst und in Maßen genießen.
Einordnung & Alternativen
- Michter's US*1 Kentucky Straight Rye Whiskey – mit 42,4 % vol. etwas schwächer, dafür aus Kentucky und im Profil runder und süßer.
- Sazerac Straight Rye Whiskey – mit 45 % vol. in ähnlicher Stärke, aber der klassischere Barrye für Cocktails.
- High West Double Rye Whiskey – ein Blend, dessen ursprüngliche Rezeptur ebenfalls Rye aus der MGP-Brennerei in Indiana enthielt, mit mehr Kräutertiefe.
Fazit
Der Templeton Rye 6 Jahre ist ein leichter, fruchtiger Rye mit Orangenakzent, der zugänglicher ist als viele Roggenwhiskeys. Seine Schwächen liegen weniger im Glas als in der Erzählung dahinter: Wer das Etikett als Handwerkstradition aus Iowa liest, wird durch die Marken- und Herkunftsgeschichte eines Besseren belehrt. Als freundlich-würziger Einstiegs-Rye für Old Fashioned und Manhattan bekommt er von uns 3,5 Punkte.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
Ähnliche US Whiskeys

Michter's US*1 Kentucky Straight Rye Whiskey
Weicher Single-Barrel-Rye aus Kentucky: Pfeffer, Zitrus, Butterscotch und Eiche, abgefüllt mit 42,4 % vol. unter dem Namen einer wiederbelebten Pennsylvania-Marke.

Sazerac Straight Rye Whiskey
Anis, Zimt, Nelke und Aprikose: Der Sazerac Rye aus der Buffalo Trace Distillery trägt den Namen des New-Orleans-Cocktails und kommt mit 45 % vol. ins Glas.

Rittenhouse Rye Bottled in Bond
Der Bottled-in-Bond-Rye von Heaven Hill: 50 % vol., mindestens vier Jahre gereift, würzig-kräftig und ein Standard hinter vielen Bars.

High West Double Rye Whiskey
Ein Rye-Verschnitt aus Utah mit 46 % vol.: Kiefer, Honig und Zimt, würzig-kräuterig und ungewöhnlich zugänglich.
Passende Cocktails

Rye Whiskey: Geschichte, Gesetz und das große Comeback
Einst Amerikas Whiskey Nummer eins, dann fast verschwunden: Wie Roggen über Cocktailbars zurück in die Regale fand.

Straight, Bottled-in-Bond und Altersangaben: Was amerikanische Etiketten verraten
Zwei Jahre, vier Jahre, 100 Proof: Welche Begriffe auf amerikanischen Flaschen wirklich Regeln bedeuten und welche nur gut klingen.

Mash Bill beim Bourbon: Wie das Getreiderezept aus Mais, Roggen, Weizen und Gerste den Stil prägt
Mindestens 51 % Mais, der Rest ist Rezeptsache: Warum Roggen, Weizen und Gerstenmalz aus demselben Gesetz sehr verschiedene Bourbons machen.

Whisky-Fassreifung erklärt: Sherry Cask, Bourbon Cask & Fassstärke
Warum ein Whisky aus Taiwan in wenigen Jahren reift, wofür ein Fass wirklich gut ist – und was hinter Cask Strength und Single Cask tatsächlich steckt.

