Nikka Miyagikyo – Japans zweite Destillerie im schottischen Stil
Die Miyagikyo-Destillerie wurde 1969 von Nikka-Gründer Masataka Taketsuru als zweiter Standort des Unternehmens errichtet, nachdem er zuvor die Yoichi-Destillerie auf Hokkaido gegründet hatte. Anders als das rauchig-maritime Yoichi liegt Miyagikyo im milderen Klima der Region Sendai und produziert einen deutlich sanfteren, fruchtbetonten Single-Malt-Stil.
Geschichte: Taketsurus zweite Heimat für den Whisky
Masataka Taketsuru hatte sein Handwerk ab 1918 in Schottland gelernt, unter anderem an der University of Glasgow und in mehreren Destillerien, bevor er 1920 nach Japan zurückkehrte und 1934 mit Yoichi auf Hokkaido seine erste eigene Destillerie gründete. Seit 1954 gehört Nikka zum Brauereikonzern Asahi. 1969, fast 35 Jahre nach der Gründung von Yoichi, entschied sich Taketsuru für einen zweiten Standort: Miyagikyo, gelegen im Tal des Flusses Nikkawa nahe Sendai auf der Hauptinsel Honshu. Die Wahl dieses Standorts war bewusst komplementär zu Yoichi gedacht – während Hokkaido für einen kräftigen, rauchig-maritimen Stil steht, sollte Miyagikyo mit seinem milderen, feuchteren Klima und der Nähe zu zwei Flüssen einen weicheren, fruchtigeren Malt-Whisky-Charakter ermöglichen und damit die stilistische Bandbreite des gesamten Unternehmens erweitern.
Gründung, Besitzer und Hausstil der Brennerei beschreibt das Porträt Miyagikyo Distillery – Japan. Die Schwesterbrennerei auf Hokkaido stellt unser Porträt der Yoichi Distillery vor.
Der Nikka Miyagikyo im Speziellen
Die Destillerie setzt auf ungewöhnlich langsame, indirekt beheizte Brennblasen, die dem Whisky eine besonders weiche, florale Grundcharakteristik verleihen – ein bewusster stilistischer Kontrast zum rauchigeren Schwesterwerk auf Hokkaido. Mit 45 % vol. liegt die Standard-Abfüllung des Single Malts über dem für viele internationale Malt-Whiskys üblichen Niveau von 40 %, was den fruchtigen Aromen zusätzliches Gewicht verleiht, ohne sie zu überlagern. Neben Malt-Whisky produziert Miyagikyo am selben Standort auch Grain-Whisky, was die Destillerie zu einer der wenigen weltweit macht, die beide Whiskytypen unter einem Dach herstellen – eine Vielseitigkeit, die auch den Blends des Hauses, etwa dem From The Barrel, zugutekommt.
Herstellung: Mildes Klima und indirekt beheizte Brennblasen
Die indirekte Beheizung der Brennblasen in Miyagikyo – im Gegensatz zur direkten Befeuerung, wie sie in Yoichi teils noch mit Kohle praktiziert wird – sorgt für eine gleichmäßigere, sanftere Erhitzung während der Destillation und begünstigt dadurch leichtere, esterreichere Aromen, die sich später als florale und fruchtige Noten im fertigen Whisky wiederfinden. Die Lage im milden, feuchten Flusstal bei Sendai unterstützt diesen Stil zusätzlich, da die gleichmäßigeren Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnisse während der Fassreifung für eine ruhigere, weniger aggressive Interaktion zwischen Holz und Destillat sorgen als das rauere Klima auf Hokkaido.
Besucher der Destillerie können sich in Miyagikyo zudem eine Whisky-Museumsanlage ansehen, die Taketsurus Lebensgeschichte und die Entstehung des japanischen Whiskys dokumentiert – ein Beleg dafür, wie sehr Nikka die Anfänge seiner Gründerfigur bis heute als zentralen Teil der eigenen Markenidentität pflegt. Innerhalb der internationalen Wahrnehmung japanischen Whiskys hat sich Miyagikyo dabei parallel zu Yoichi als eigenständiger Stil etabliert: Wo Yoichi häufig mit rauchigen Islay-Malts verglichen wird, gilt Miyagikyo eher als japanisches Pendant zu den weicheren, fruchtigeren Speyside-Stilen Schottlands – ein Vergleich, der Taketsurus ursprüngliche Vision widerspiegelt, in Japan die gesamte stilistische Bandbreite schottischen Whiskys nachzubilden, statt sich auf einen einzelnen Regionalstil zu beschränken.
Verkostungsnotiz
- Farbe: Helles Gold.
- Nase: Reife Birnen, florale Noten und ein Hauch Vanille, dazu ein Hauch frischer Apfel und Malzsüße.
- Gaumen: Weich und fruchtig – Apfel, Honig und eine dezente Getreidewürze, mit einer angenehm seidigen Textur.
- Abgang: Mittellang, weich und rund, mit nachklingender Fruchtsüße und einem sanften floralen Abschluss.
Genuss-Empfehlung
Wer den Miyagikyo zum ersten Mal probiert, sollte sich bewusst Zeit nehmen, um die eher zurückhaltenden, floralen Aromen wahrzunehmen, statt ihn wie einen kräftigeren Islay- oder Bourbon-Stil zu erwarten. Der Miyagikyo entfaltet seine floralen und fruchtigen Aromen am besten pur bei Zimmertemperatur in einem schmalen Nosing-Glas. Ein Tropfen Wasser kann die Aromen zusätzlich öffnen, ohne die filigrane Balance zu stören. Kulinarisch passt der Whisky hervorragend zu leichten Desserts mit Apfel oder Birne, weißem Fisch oder mildem Käse – Speisen, die die zarte Fruchtsüße des Whiskys ergänzen, ohne sie zu überdecken.
Einordnung & Alternativen
- Akashi White Oak Single Malt Whisky – ebenfalls japanischer Single Malt mit floralem Charakter, dafür von einer kleineren Brennerei und preislich günstiger.
- Glenmorangie Original 10 Jahre Whisky – schottisches Pendant mit ähnlich leichtem, fruchtig-blumigem Profil zum vergleichbaren Preis.
Fazit
Der Nikka Miyagikyo zeigt die elegante, fruchtbetonte Seite des japanischen Whiskys abseits der rauchigen Klischees und bewegt sich damit preislich im mittleren Segment japanischer Single Malts – ein Bereich, in dem die Nachfrage nach Japan-Whisky die Preise zuletzt spürbar nach oben getrieben hat. Ein zugänglicher, feiner Single Malt – ideal pur oder als sanfter Einstieg in japanischen Whisky. Wer die konzentriertere, kräftigere Seite desselben Hauses kennenlernen möchte, findet mit dem Nikka From The Barrel einen spannenden Kontrast aus Fassstärke und Blend-Komplexität, während der Miyagikyo selbst als eigenständiger Single Malt die stille, florale Seite der Marke repräsentiert.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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