Gin

Gin Tonic in Spanien: Copa de Balón und die Gintonic-Kultur

Ein bauchiges Ballonglas mit Eis, Grapefruitzeste und Rosmarin auf einer Terrakottafliese, daneben Wacholder und rosa Pfeffer

In Spanien heißt er "Gintonic", wird in einem großen Ballonglas serviert und ist vollgepackt mit Eis und Garnitur: Der Gin Tonic hat dort eine eigene Kultur entwickelt, die von der britischen Variante im schlichten Longdrinkglas deutlich abweicht. Die Zahlen zeigen, dass es kein Randphänomen ist, die Herkunft dagegen ist ungewöhnlich: Der Drink kam nicht aus der Bar, sondern aus der Küche. Dieser Artikel ordnet ein, was dazu belegt ist, und stellt Gins aus unserem Katalog vor, die zu dieser Trinkweise passen.

Wie viel Gin trinkt Spanien?

Ein Bericht von Bord Bia, der irischen Lebensmittelagentur, nennt 2018 einen Pro-Kopf-Verbrauch von 1,07 Litern Gin in Spanien, den höchsten im untersuchten Ländervergleich. Der Absatz wuchs demnach von 2015 auf 2016 um 9,9 Prozent, die heimische Produktion um 20 Prozent; das Segment aromatisierter Gins legte von 2012 bis 2016 sogar um 230 Prozent zu. Schon 2012 meldete der Branchendienst Alimarket unter Berufung auf den Branchenverband FEBE, Spanien sei nach den Philippinen und den USA der drittgrößte Gin-Verbraucher der Welt. Gin war damals die dritthäufigste Spirituose des Landes, hinter Whisky und Rum. Es handelt sich um Branchenzahlen verschiedener Jahre, aktuelle Werte haben wir nicht verglichen.

Woher kommt der Gintonic?

Nach einem Bericht des Magazins Punch tauchte der "Gintonic" Anfang der 2000er-Jahre als Feierabendgetränk von Spitzenköchen in Katalonien und im Baskenland auf. Der Gastrokritiker Rafael García Santos schrieb in der Zeitung El Correo über das, was Köche von El Bulli oder Arzak bei seinem jährlichen Treffen in San Sebastián tranken; danach habe sich der Drink verbreitet. Eine zweite, im Magazin Gin Time geäußerte These sieht die Experimentierfreude spanischer Köche als Treiber, ergänzt um Bartender, die den Drink als vollwertigen Cocktail verstehen. Weil beide Darstellungen auf Einzelaussagen beruhen, sind sie als plausible Herkunftserzählung zu lesen, nicht als gesicherte Chronik.

Warum die Copa de Balón?

Die Erklärung klingt unspektakulär: Das Volumen des Drinks sei für ein schmales Collinsglas zu groß gewesen, und in Küchen standen eben Weingläser bereit. So beschreibt es Miguel Lancha von der José Andrés Group laut Punch. Internationalen Auftrieb bekam das Ballonglas, als Fever-Tree es 2007 mit dem US-Start in Markenausführung einsetzte. Funktional bietet die weite Öffnung Platz für viel Eis, Garnitur und die Aromen von Gin und Botanicals; ein Vorteil, den auch unser Artikel Gin Tonic Rezept & Mischverhältnis für das Ballonglas nennt. Wie Eis in einem solchen Glas wirkt, erklärt Eis im Gin Tonic.

Wie unterscheidet sich der spanische vom britischen Serve?

Der britische Standard ist schlicht: Longdrinkglas, Eis, Gin, Tonic, eine Zitronenscheibe. Der spanische Gintonic gilt dagegen als stärker verdünnt und aromatischer: Laut Punch ist das Glas randvoll mit Eis, das Tonic kommt oft als ganze Flasche dazu, und die Garnitur reicht für mehrere Drinks. Statt Zitrone sind nach dem Magazin Gin Time Grapefruit oder Gurke üblich, dazu Kräuter, Gewürze und Früchte. Die Bar Slow in Barcelona führte demnach 64 Gins und 13 Tonic Waters; manche Bars froren Erdbeeren in Eiswürfel ein. Das sind Beispiele aus einer Reportage, keine Regel. Wichtiger als Dekor ist das Prinzip, die Botanicals des Gins mit der Garnitur aufzugreifen.

Welche Marken prägen den Markt?

Beefeater ist laut Alimarket (2019) in Spanien sein größter Markt, vor dem Vereinigten Königreich: rund 1,5 Millionen Neun-Liter-Kisten und ein Anteil von knapp 22 Prozent der Kategorie, wobei Beefeater im Gintonic-Ausschank der Gastronomie führen soll. Den Beefeater London Dry Gin führen wir im Katalog. Larios feierte 2016 sein 150-jähriges Bestehen und war laut Alimarket die zweitgrößte Marke mit mehr als 900.000 Kisten; nach unserem Porträt wurde Larios in den 1920er-Jahren zum Gin-Produzenten. Zum Sortiment gehören Larios London Dry Gin und Larios 12 Premium Gin. Pernod Ricard meldete für Seagram's Gin 2016/17 in Spanien 555.000 Kisten, ein Plus von 14,5 Prozent; über Lieferengpässe bei Seagram's in Spanien berichtete die Zeitung Ara 2021, als Clubs nach der Corona-Pause wieder öffneten. Ob die dortige Abfüllung dem im Katalog geführten Seagram's Extra Dry Gin aus den USA entspricht, haben wir nicht geprüft.

Welche spanischen Gins passen zu dieser Kultur?

Das Premiumsegment trägt Marken wie Gin Mare. Die Familie Giró Ribot, die seit 1835 Liköre und Weine herstellt, begann 2007 mit der Entwicklung und testete 45 Botanicals; Oliven, Rosmarin, Basilikum und Thymian prägen das Profil, das unser Artikel Mediterrane Gins einordnet. Dazu passt nach unserem Porträt ein mildes Tonic wie Fever-Tree Mediterranean Tonic Water, garniert mit Rosmarin und Olive. Der Nordes Atlantic Galician Gin nutzt ein Albariño-Traubendestillat. Der Xoriguer Gin de Mahón von Menorca erinnert an die britische Präsenz im 18. Jahrhundert und wird dort als "Pomada" mit Zitronenlimonade getrunken.

Was bedeutet das für die Flaschenwahl?

Der spanische Gintonic funktioniert mit viel Eis und großem Glas am besten mit Gins, die sich nicht verstecken: Zitrusbetonte wie Larios 12, kräuterige wie Gin Mare oder ein klassischer London Dry wie Beefeater. Sehr zurückhaltende Gins gehen in der Verdünnung leicht unter. Unsere Porträts zeigen, welches Tonic dazu passt; der Rest ist Geschmackssache.