Islay gilt als die Rauchinsel des Scotch: kaum eine andere Herkunftsangabe löst so zuverlässig die Erwartung von Torf, Jod und Lagerfeuer aus. Auf der Insel vor der schottischen Westküste, die ungefähr 40 mal 24 Kilometer misst, arbeiten heute zehn Brennereien, und sie brennen keineswegs alle denselben Whisky. Der Artikel erklärt, warum auf Islay Torf eine so große Rolle spielt, wer wo brennt und wie sich die Stile sortieren lassen.
Was macht Islay zur Whiskyinsel?
Der älteste belegte Eintrag einer legalen Brennerei auf Islay stammt von Bowmore aus dem Jahr 1779; Spekulationen über irische Mönche, die schon im frühen 14. Jahrhundert brannten, sind nicht gesichert. Zuvor wurde auf Bauernhöfen und in abgelegenen Tälern oft heimlich destilliert. Viele spätere Brennereien entstanden an Buchten, weil Gerste und Fässer lange per Schiff transportiert wurden. Früher waren es deutlich mehr: Eine Quelle spricht von bis zu 23 Brennereien, die im Lauf der Zeit auf der Insel arbeiteten.
Rechtlich ist Islay eine eigene „Locality“: Nach Regulation 10 der Scotch Whisky Regulations 2009 darf der Name nur für Scotch stehen, der auf der Insel destilliert wurde. Die Zahl der aktiven Brennereien wird je nach Zählung mit neun oder zehn angegeben, denn Port Ellen läuft erst seit dem 19. März 2024 nach über 40 Jahren Stillstand wieder. Kilchoman (Produktionsstart 2005) und Ardnahoe (Eröffnung 2019) sind die jüngsten Häuser. Die Einordnung aller Regionen liefert der Überblick zu den Scotch-Whisky-Regionen, den wir unten unter „Weiterlesen“ verlinken.
Warum arbeitet Islay mit Torf?
Auf den Inseln wachsen kaum Bäume, also verbrannte man Torf. Beim Mälzen wird die gekeimte Gerste auf einem durchlässigen Boden über einem Feuer gedarrt; wird dabei zu Beginn Torf verbrannt, nimmt das noch feuchte Malz die Phenole aus dem Rauch auf. Je länger der Rauch einwirkt, desto höher der Phenolwert. Die Zahl in ppm beschreibt allerdings das Malz, nicht den Whisky im Glas. Warum zwischen beidem so viel verloren geht, klärt der Beitrag Getorfter Whisky und Phenol-ppm.
Praktisch kommt der Großteil des Islay-Malzes aus den Port Ellen Maltings, die 1973 in Betrieb gingen und nach einer Vereinbarung von 1987 mehrere Brennereien der Insel beliefern; die Zahl der Abnehmer nennen Quellen unterschiedlich. Bowmore, Laphroaig und Kilchoman mälzen zusätzlich einen Teil selbst auf Mälzböden. Für das Malz der Hauptmarken kursieren je nach Quelle Werte von etwa 35 ppm (Lagavulin, Caol Ila, Laphroaig) bis rund 55 ppm (Ardbeg); Herstellerangaben und Fachquellen weichen teils voneinander ab.
Wer brennt wo?
An der Südküste bei Port Ellen liegen die drei kräftigsten Namen: Laphroaig und Ardbeg, beide 1815 gegründet, sowie Lagavulin (1816). Am Sound of Islay im Nordosten stehen Caol Ila (1846), Bunnahabhain (1881) und dazwischen Ardnahoe. Rund um das Loch Indaal arbeiten Bowmore (1779) und Bruichladdich (1881); weiter westlich auf der Halbinsel Rhinns liegt die Farmbrennerei Kilchoman. Port Ellen selbst ist die zehnte Adresse, zu der wir bislang kein eigenes Porträt haben.
Welche Stilgruppen gibt es?
Kräftig und medizinisch: Laphroaig, Lagavulin und Ardbeg stehen für Torfrauch mit Jod, Seetang und Teer, im Kern aber auch mit einer süßen Basis aus Fassholz. Das ist das Bild, das viele von Islay haben.
Ungetorft oder leicht: Bunnahabhain brennt seinen Hausstil traditionell nahezu ungetorft, Bruichladdich ebenfalls. Bowmore wird häufig als mittlerer, ausgewogener Stil beschrieben; Quellen nennen etwa 25 ppm, sprechen aber auch von „leicht getorft“.
Getorft, aber süß, fruchtig und klar: Caol Ila verbindet Rauch mit Zitrus und Salz, Kilchoman mit Vanille und jugendlicher Frische, Ardnahoe mit Salz und Zitrus. Der Rauch ist da, wirkt aber weniger teerig als im Süden.
Muss jeder Islay rauchen?
Nein, und die Zahlen aus unserer eigenen Reihe zeigen es. In der Auswertung zum Geschmack nach Region liegen sieben von 54 Islay-Whiskys bei höchstens einem Punkt Rauch (Skala bis 5), während der Regionsschnitt bei 3,6 liegt. Der Bunnahabhain 12 Jahre (46,3 % vol.) setzt auf Sherry, Nuss und eine leichte Salznote statt auf Torf. Auch The Classic Laddie von Bruichladdich (50 % vol.) ist ungetorft und zeigt Honig, Kernobst und Vanille. Dass dasselbe Haus mit Port Charlotte und Octomore zugleich zu den torfigsten Marken zählt, belegt: Die Herkunftsangabe sagt, wo destilliert wurde, nicht, wie der Whisky schmeckt.
Wer Islay mit Speyside vergleichen möchte, findet die Gegenüberstellung im Stilvergleich Speyside gegen Islay. Dort wird auch erklärt, wie Lage, Klima und Fassreifung die beiden Stile auseinandertreiben.
Was das für die Flaschenwahl bedeutet
Das Etikett liefert mehr Hinweise als der Inselname. Eine Angabe wie „peated“ oder „unpeated“, das Alter und die Fassart erklären den Stil besser als die Herkunft allein. Wer Rauch vorsichtig kennenlernen will, kann beim Caol Ila 12 Jahre oder bei Ardnahoe ansetzen, wer sherrygeprägte Süße sucht, bei Bunnahabhain, und wer die volle medizinische Seite erleben möchte, bei Laphroaig oder Lagavulin. Am schnellsten findet man den eigenen Stil, wenn man zwei Gegenpole direkt nebeneinander verkostet, etwa einen ungetorften Islay und einen Süd-Küsten-Malt.
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