Gin
Gin-Cocktail-Klassiker: Martini, Negroni, Gimlet und Tom Collins – was Gin im Mix leistet
Vier Zutatenlisten, die man auf einen Bierdeckel schreiben kann, und doch hängt an jedem dieser Drinks viel Streit: Martini, Negroni, Gimlet und Tom Collins gehören zum Kern der Gin-Barkultur. Was Gin darin leistet, hängt weniger vom Markennamen ab als von Stil, Alkoholstärke und der Frage, wie viel Wasser durch Eis in den Drink gelangt. Dazu kommt ein Detail, das beim Heimbarkeeping oft übersehen wird: der Wermut.
Alle vier sind alkoholstarke Mixgetränke, die man in kleinen Mengen und bewusst genießt.
Wie sind die vier Klassiker aufgebaut?
Die Mengen stammen für Martini und Negroni aus den IBA-Rezepten, für Gimlet und Tom Collins von den Rezeptseiten dieser Website.
| Cocktail | Mengen | Methode |
|---|---|---|
| Dry Martini | 60 ml Gin, 10 ml trockener Wermut | gerührt, ohne Eis im Glas |
| Negroni | je 30 ml Gin, Campari, roter Wermut | im Tumbler auf Eis, kurz gerührt |
| Gimlet | 60 ml Gin, 20 ml Limetten-Cordial | geschüttelt, doppelt abgeseiht |
| Tom Collins | 50 ml Gin, 25 ml Zitronensaft, 15 ml Zuckersirup, Soda | geschüttelt, über frisches Eis, mit Soda aufgefüllt |
Die IBA führt statt des Tom Collins den John Collins (45 ml Gin, 30 ml Zitronensaft, 15 ml Zuckersirup, 60 ml Soda) und vermerkt, dass für einen Tom Collins Old Tom Gin zu verwenden sei.
Was ist bei den Herkunftsgeschichten belegt?
Fast jeder dieser Drinks kommt mit einer hübschen Legende, und fast jede hat Lücken.
Beim Negroni lautet die verbreitete Überlieferung: 1919 bat Graf Camillo Negroni im Florentiner Caffè Casoni darum, seinen Americano mit Gin statt Soda zu bekommen; Barmann Fosco Scarselli habe ihn so gemixt. Wondrich zweifelt laut Wikipedia schon am Grafentitel, und Difford's Guide weist darauf hin, dass gedruckte Belege später datieren und ähnliche Rezepte wie der Campari Mixte (1929) existieren. Dazu gibt es Gegenerzählungen um einen französischen General Negroni, die sich nicht sauber belegen lassen.
Der Martini entstand nach Überlieferung aus dem Martinez, der mit Old Tom Gin und süßem Wermut gemixt wurde; gedruckt taucht dieser 1887 bei Jerry Thomas auf. Frühe Dry-Martini-Rezepte nennen gleiche Teile oder 2:1, erst im Lauf des 20. Jahrhunderts wurde der Wermutanteil immer kleiner. Der heutige IBA-Wert entspricht 6:1.
Beim Gimlet ist die Geschichte vom Marinearzt Gimlette, der Matrosen mit Limette versorgte, laut Wikipedia zweifelhaft, weil Nachrufe ihn dazu nicht erwähnen. Auch das Wort Gimlet für den Drink ist erst um 1928 belegt. Gesichert ist, dass Lauchlan Rose 1867 sein Verfahren zur alkoholfreien Haltbarmachung von Zitrusfruchtsaft patentieren ließ, die Grundlage des Limetten-Cordials, das im Gimlet üblich wurde.
Der Tom Collins geht auf den älteren John Collins zurück. 1874 narrte in den USA ein Scherz mit der Frage „Haben Sie Tom Collins gesehen?" die Öffentlichkeit; 1882 verzeichnet Harry Johnson das erste gedruckte Tom-Collins-Rezept mit Old Tom Gin.
Welcher Gin-Stil passt wozu?
Die Kategorie London Dry beschreibt ein Verfahren, keine Herkunft: Aromen kommen nur über die Destillation, nach Verordnung (EU) 2019/787 mit höchstens 0,1 g Zucker je Liter; mehr dazu im Artikel Gin-Kategorien der EU. Für Martini und Negroni ist ein klar wacholderbetonter London Dry der klassische Zugriff. Der Beefeater London Dry Gin (40 % vol.) bringt laut unserem Porträt viel Zitrusschale mit, was zur Orangenzeste im Negroni passt. Der Plymouth Gin (41,2 % vol.) ist durch den hohen Orisswurzelanteil weicher und passt zu einem runderen Martini.
Beim Gimlet, der fast nur aus Gin und Cordial besteht, hört man das botanische Profil am deutlichsten. Hendrick's Gin (44 % vol.), ein Vertreter des New-Western-Stils mit Rosen- und Gurkenessenz, macht daraus einen blumigeren Drink; ein klassischer London Dry bleibt näher am historischen Navy-Original.
Im Tom Collins und im Martinez zeigt Old Tom Gin seine Stärke: Der Stil ist leicht gesüßt, und Hayman's Old Tom Gin (41,4 % vol.) orientiert sich an historischen Rezepten. Wer mit hoher Stärke experimentieren will, findet im Artikel zu Navy Strength Gin (57 % vol.) den Hinweis, dass solche Gins vor allem in Martini oder Gin Tonic ihr Aroma behalten.
Welche Rolle spielt die Verdünnung?
Eis kühlt und gibt Wasser ab; beides gehört zum Rezept. Beim Schütteln erreicht ein Drink nach etwa zwölf Sekunden rund minus 5 bis minus 8 °C; mit trockenem Freezer-Eis kommen nach Difford's Guide rund 20 % Verdünnung dazu. Rühren kühlt langsamer, erreicht ein etwas weniger kaltes Plateau und lässt sich dafür kontrollierter steuern (Cooking Issues). Deshalb werden spirituosenlastige, klare Drinks wie Martini gerührt, säurehaltige wie Gimlet und Collins geschüttelt. Die Physik dahinter erklärt der Artikel Vodka Martini: Shaken or Stirred?.
Der Negroni verzichtet nach Rezeptseite auf Schütteln und baut direkt auf Eis im Glas. Da das Eis weiter schmilzt, ändert er sich beim Trinken, größere Eisstücke verwässern ihn langsamer. Beim Martini, der ohne Eis im Glas serviert wird, übernimmt ein vorgekühltes Glas die Aufgabe, ihn länger kalt zu halten.
Wie bleibt Wermut frisch?
Wermut ist aufgespriteter Wein mit rund 15 bis 20 % vol. und oxidiert nach dem Öffnen. Nach unserem Artikel Spirituosen richtig lagern rät Difford's Guide, ihn zu kühlen und nach höchstens sechs Wochen aufzubrauchen. Das betrifft besonders den Martini, bei dem 10 ml Wermut den Ton setzen, und den Negroni, in dem er ein Drittel ausmacht. Kleine Flaschen helfen, ihn rechtzeitig zu verbrauchen.
Was das für die Flaschenwahl bedeutet
Für Martini und Negroni ist ein klar strukturierter London Dry die sichere Basis; der Gin soll sich gegen Wermut und Campari behaupten. Für Gimlet und Collins entscheidet der Charakter: trocken-herb oder floral, Old Tom für ein weicheres Bild. Und der Wermut gehört nach dem Öffnen in den Kühlschrank, denn er trägt in Martini und Negroni spürbar zum Ergebnis bei.
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