Herstellung des Hayman's Old Tom Gin:
Hayman's zählt zu den letzten unabhängigen Familien-Destillerien Londons; Christopher Hayman, der heute gemeinsam mit seinen Kindern James und Miranda das Unternehmen führt, ist der Urgroßenkel von James Burrough, dem Gründer von Beefeater Gin. Diese familiäre Nähe zur Cocktailgeschichte des 19. Jahrhunderts machte Hayman's zum naheliegenden Kandidaten, als sich das Unternehmen 2007 daranmachte, den seit den 1950er-Jahren nahezu ausgestorbenen Old-Tom-Stil wiederzubeleben – als erste Marke überhaupt, die einen Old Tom Gin seit dessen Verschwinden neu auf den Markt brachte. Ausschlaggebend war die wachsende Nachfrage aus der internationalen Cocktail-Bar-Szene, die für die originalgetreue Zubereitung klassischer Rezepte wie Tom Collins oder Martinez zunehmend einen authentischen Old Tom Gin vermisste. Gemeinsam mit dem erfahrenen Master Distiller Tad Seestedt rekonstruierte James Hayman auf Basis historischer Rezeptnotizen aus dem eigenen Firmenarchiv eine Rezeptur, die bewusst mit Zucker statt mit botanischer Süße gearbeitet wird – ein Verfahren, das laut Herstellerangaben seit den 1930er-Jahren so nicht mehr angewendet worden war.
Old Tom Gin war im 18. und 19. Jahrhundert der populärste Gin-Stil Englands und gilt als das stilistische Bindeglied zwischen dem süßen, oft schlecht destillierten frühen Genever-Gin und dem später etablierten, trockenen London Dry Gin. Historisch entstand die Süße meist, um die noch unreife, teils raue Destillationsqualität der Zeit zu kaschieren; erst mit verbesserter Destilliertechnik im späten 19. Jahrhundert setzte sich der trockenere London-Dry-Stil durch, der den Old Tom binnen weniger Jahrzehnte fast vollständig verdrängte.
Verkostung des Hayman's Old Tom Gin:
In der Nase zeigt sich weicher Wacholder mit einer malzig-süßen Note, unterlegt von einem Hauch Zitrone und einer an Graham Cracker erinnernden, leicht gebäckartigen Süße. Am Gaumen ist der Old Tom rund und leicht süßlich, mit Wacholder und Koriander im Zentrum sowie einer sanften Zucker-Süße im Hintergrund, die von einer cremig-mandeligen Note begleitet wird – deutlich milder und zugänglicher als ein klassischer London Dry. Feine florale Nuancen, die an Rosenwasser erinnern, sowie ein Hauch kandierter Ingwer runden das Bild ab. Der Abgang ist mittellang und angenehm weich, mit einem letzten süßlichen Nachklang, der eher an ein Dessert als an einen trockenen Gin erinnert.
Steckbrief Hayman's Old Tom Gin:
Alkoholgehalt: 41,4 % vol.
Verwendete Botanicals: Wacholder, Koriander, Süßholz, Zitrusschale, Iriswurzel; zusätzlich gesüßt mit Zucker nach der Destillation
Hersteller: Hayman's Distillers, Balham, London, England (Old Tom wiedereingeführt 2007)
Herstellung im Detail: Warum Zucker statt Botanicals für die Süße sorgt
Die zentrale Entscheidung bei der Rekonstruktion des Hayman's Old Tom Gin war die Frage, woher die charakteristische Süße des historischen Stils stammen sollte. Viele andere moderne Old-Tom-Interpretationen erzeugen ihre Süße über zusätzliche Botanicals wie Süßholz oder Kamille, um technisch einen "Gin" statt eines "Gin-Likörs" zu bleiben. Hayman's entschied sich hingegen bewusst für die Zugabe von tatsächlichem Zucker nach der Destillation – ein Verfahren, das dem historischen Original nach eigener Recherche des Unternehmens näherkommt, in der Fachwelt zugleich aber auch für Diskussionen sorgte, da manche Experten die Grenze zwischen Old Tom Gin und Gin-Likör dadurch als verschoben ansehen. Für Hayman's war diese Entscheidung dennoch konsequent: Historische Rezepte aus dem 19. Jahrhundert griffen tatsächlich regelmäßig auf zugesetzten Zucker zurück, weshalb die Marke ihre Version als besonders originalgetreue Rekonstruktion versteht, statt eine bequemere, rein botanische Lösung zu wählen.
Verwendung des Hayman's Old Tom Gin
- Tom Collins: Der namensgebende Klassiker – Old Tom Gin, Zitronensaft, Zuckersirup und Soda, serviert im hohen Glas mit viel Eis. Da der Gin bereits von Haus aus süßer ist, kann die Zuckersirup-Menge im Vergleich zu einer Zubereitung mit London Dry Gin leicht reduziert werden.
- Martinez: Als historischer Vorläufer des Martini eignet sich der Old Tom hervorragend für diesen Klassiker mit süßem Wermut und Maraschino, in dem seine malzig-süße Struktur die übrigen Zutaten harmonisch abrundet, statt mit ihnen zu konkurrieren.
Der Hayman's Old Tom Gin richtet sich vor allem an Cocktail-Enthusiasten, die klassische Rezepte originalgetreu nachmixen möchten, sowie an alle, die einen milderen, zugänglicheren Gin abseits des trockenen London-Dry-Stils suchen. Im Vergleich zum trockeneren, zitrusbetonten Hayman's London Dry Gin aus demselben Haus zeigt sich der Old Tom deutlich weicher und süßer – ein direkter, schmeckbarer Beleg dafür, wie stark sich der Gin-Stil zwischen dem 18. und dem späten 19. Jahrhundert tatsächlich verändert hat.
Wer sich für das Familienerbe der Haymans interessiert, findet mit dem fruchtig-winterlichen Hayman's Sloe Gin eine dritte, ebenfalls historisch verwurzelte Interpretation desselben Hauses – gemeinsam zeigen die drei Hayman's-Abfüllungen eindrucksvoll, wie breit das Spektrum englischer Gin-Tradition tatsächlich ist, von trocken-wacholderbetont über fruchtig-mazeriert bis hin zu süßlich-historisch. Für eine so aufwendig recherchierte Stilrekonstruktion bewegt sich der Old Tom preislich in einer fairen Mittelklasse.
Einordnung & Alternativen
- Hayman's Sloe Gin – aus demselben Haus, aber fruchtig-mazeriert statt mit Zucker gesüßt, mit deutlich niedrigerem Alkoholgehalt.
- Ransom Old Tom Gin – amerikanische Interpretation desselben historischen Stils, die ihre Süße über eine Fasslagerung statt über zugesetzten Zucker erzeugt.
- Hayman's London Dry Gin – trockenere Variante aus derselben Familienrezeptur, ohne die malzig-süße Rundung des Old Tom.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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