Herstellung des Old Raj Dry Gin:
Der Old Raj wird für William Cadenhead Ltd. hergestellt, Schottlands ältesten noch aktiven unabhängigen Spirituosenabfüller, der 1842 gegründet wurde und heute im Besitz der Springbank-Eigentümerfamilie J. & A. Mitchell & Co. mit Sitz im westschottischen Campbeltown ist. Die Rezeptur des Old Raj geht auf Hedley Wright zurück, der Cadenhead's 1972 übernahm und in jenem Jahr auch den Old Raj nach eigener Botanical-Formel für das Haus kreieren ließ – seither wird der Gin ununterbrochen für Cadenhead's produziert und in Campbeltown abgefüllt. Für den Old Raj werden die Botanicals in Alkohol eingeweicht und anschließend in einer klassischen Kupfer-Pot-Still destilliert. Das eigentliche Markenzeichen kommt jedoch erst danach: Safranfäden werden nach der Destillation zugesetzt, da das empfindliche Gewürz die Hitze des Brennvorgangs nicht verträgt. Dieser Safran verleiht dem Old Raj seine ungewöhnliche, blassgoldene Farbe – ein für Gin höchst untypisches Merkmal, das ihn seit den 1970er-Jahren zu einem Kult-Gin unter Kennern gemacht hat.
Trotz seines inzwischen legendären Rufs bleibt der Old Raj bewusst ein Nischenprodukt: Cadenhead's betreibt, anders als viele Wettbewerber, kein aktives Marketing und keine Sponsoring-Aktivitäten, sondern verlässt sich auf Mundpropaganda unter Bartendern und Kennern. In New Yorker Spitzenbars wie Maison Premiere oder Le Veau d'Or hat sich der Old Raj in den vergangenen Jahren als Geheimtipp für Martinis etabliert – nicht wegen seiner Bekanntheit, sondern weil erfahrene Bartender seinen Geschmack schlicht überzeugend finden. Die meisten Gäste, so berichten Insider, haben von der Marke zuvor nie gehört.
Verkostung des Old Raj Dry Gin:
In der Nase zeigt sich der Old Raj blumig-kräuterig mit deutlicher Safrannote, begleitet von Eukalyptus, kandiertem Ingwer, Zitrone und Salbei. Am Gaumen entfaltet sich eine würzige Safran- und Wacholdernote, unterlegt von schwarzem Pfeffer und einer spürbaren Grapefruit-Bitterkeit, wobei oft eine kräftige Orangennote hervortritt. Der Abgang ist würzig-zitrusartig und auffallend erfrischend, fast an Menthol erinnernd – ein Effekt, den man in dieser Form kaum bei einem anderen Gin findet.
Steckbrief Old Raj Dry Gin:
Alkoholgehalt: 46 % vol. (Red Label); daneben existiert eine stärkere 55 %-vol.-Version (Blue Label)
Verwendete Botanicals: Wacholder, Koriandersamen, Angelikawurzel, Orriswurzel, Kassia/Zimt, Süßholz, Muskatnuss, gemahlene Mandeln, Sevilla-Orangenschale, Zitronenschale, Safran (nach der Destillation zugesetzt)
Hersteller: William Cadenhead Ltd., Campbeltown, Schottland (Rezeptur seit 1972 unverändert)
Herstellung im Detail: Safran als nachträgliche Zutat
Was den Old Raj von praktisch jedem anderen Gin unterscheidet, ist der Zeitpunkt, zu dem sein auffälligstes Botanical ins Spiel kommt. Während alle anderen Zutaten – Wacholder, Koriander, Angelika-, Orris- und Zitrusschalen – klassisch vor der Destillation mazeriert und mitgebrannt werden, wird der Safran erst danach zugesetzt. Der Grund ist rein praktisch: Safranfäden sind extrem hitzeempfindlich und würden im Brennprozess einen Großteil ihres Aromas und ihrer Farbe verlieren. Durch die nachträgliche Zugabe bleibt sowohl die charakteristische blassgoldene Farbe als auch die volle erdig-blumige Würze des Gewürzes erhalten – ein Verfahren, das dem Old Raj seine Sonderstellung unter den Gins verschafft, aber auch erklärt, warum er unter Kennern eher als Geheimtipp denn als Massenprodukt gehandelt wird.
Verwendung des Old Raj Dry Gin
- Gin & Tonic: Bei einem kräftigen Tonic tritt die feine Safrannote schnell in den Hintergrund – ein zurückhaltendes, mild-bitteres Tonic Water wie das 1724 Tonic Water lässt die Würze des Old Raj deutlich besser zur Geltung kommen.
- Pur oder on the Rocks: Kenner trinken den Old Raj gerne pur oder mit einem Eiswürfel, um die seltene Safrannote unverfälscht zu erleben; die stärkere 55-%-Version behält zudem auch in Rührcocktails wie Martini oder Negroni ihren Charakter.
Der Old Raj richtet sich damit klar an erfahrene Gin-Trinker und Bartender, die abseits bekannter Marken nach einem geschmacklich außergewöhnlichen, geschichtsträchtigen Gin suchen – wer einen unkomplizierten Alltagsgin sucht, ist mit einem klassischen London Dry Gin besser bedient. Im Vergleich zu anderen würzigen, orientalisch angehauchten Gins wie dem Opihr Oriental Spiced London Dry Gin wirkt der Old Raj deutlich zurückhaltender und eleganter: Statt auf eine Vielzahl exotischer Gewürze setzt er auf ein einziges, sorgfältig platziertes Alleinstellungsmerkmal.
Auch die Verbindung zu Cadenhead's selbst trägt zum besonderen Status des Old Raj bei: Als unabhängiger Abfüller ist das Unternehmen in erster Linie für seine raren Single-Cask-Whiskys bekannt, nicht für Gin. Dass ausgerechnet ein Gin zum bekanntesten Produkt neben den Whisky-Abfüllungen wurde, unterstreicht, wie sehr der Old Raj über die Jahrzehnte durch reine Qualität statt durch Markenaufbau gewachsen ist. Für Fans schottischer Spirituosentradition ist er damit ein interessanter Brückenschlag zwischen der Whisky-Kultur Campbeltowns – der Heimat auch der Springbank-Destillerie – und der Welt des Gins. Preislich liegt der Old Raj im gehobenen Segment, bietet dafür aber mit der nachträglichen Safranzugabe ein Alleinstellungsmerkmal, das man bei vergleichbar positionierten Gins kaum findet.
Einordnung & Alternativen
- Silent Pool Gin – ebenfalls elegant und floral, aber ohne die ungewöhnliche Safrannote und etwas zugänglicher im Geschmack.
- Jinzu Gin – setzt wie der Old Raj auf ein außergewöhnliches Einzelbotanical, hier Yuzu und Sake statt Safran.
- No. 3 London Dry Gin – ähnlich reduziert und puristisch, bleibt dabei aber ganz ohne exotische Würznote.
Aromenprofil
Redaktionelle Einschätzung aus der Verkostung — keine Messdaten, sondern unsere Einordnung im Vergleich zu anderen Flaschen dieser Kategorie.
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