Gin
Gin aus den Alpen: Was Südtirol, die Schweiz und Österreich auszeichnet

Wer an Gin denkt, denkt an London, Plymouth oder die Highlands. Im Alpenraum ist die Geschichte eine andere: Viele der interessantesten Gins stammen von Familienbetrieben, die seit Generationen Kirsch, Birne oder Grappa brennen und irgendwann einen Gin dazugenommen haben. „Alpin“ auf dem Etikett heißt dabei nicht automatisch Zirbe im Glas. Ein genauer Blick auf Botanicals, Basis und Brennerei zeigt, was die Region tatsächlich unterscheidet.
Warum bringt der Alpenraum so viele Gins hervor?
Der Grund liegt in der Brenntradition. Österreich verweist auf seine Edelbrände: Nach Angaben von Österreich Werbung wird im Tiroler Dorf Stanz in 90 von rund 150 Haushalten gebrannt. Auch in der Schweiz stand der Obstbrand am Anfang. Studer in Escholzmatt begann 1883 mit Obstbränden und Likören, die Zuger Familie Etter brennt nach eigener Darstellung seit 1823 Kirsch, die Brennerei Humbel im Aargau seit 1918. In Südtirol gründete Ludwig Psenner 1947 seine Brennerei in Tramin, und im selben Jahr brannte Ignaz Unterthurner in Marling die ersten Destillate. Wer ohnehin Brennblase, Brennmeister und regionale Rohstoffe hat, braucht für einen Gin vor allem eine Idee.
Dazu kam der Markt. Laut The Gin Guide endete in der Schweiz 1999 das staatliche Alkoholmonopol, das seit 1897 bestand; moderne Schweizer Gins entstanden demnach ab etwa 2010 bis 2012, nach 2015 folgten mehr als hundert Marken. Die Zahlen sind Branchenschätzungen, keine amtliche Statistik.
Welche Botanicals sind wirklich alpin?
Österreich Werbung nennt Zirbe im Zirbin Gin aus Innsbruck, Zirbe und Latsche bei der Manufaktur Mandlberggut in Salzburg. Beides sind Nadelgehölze, deren harzige Noten sich nach unserer Einschätzung gut mit dem ebenfalls harzigen Wacholder verbinden lassen. Der Z44 Gin aus Tramin geht einen eigenen Weg: Roner sammelt nach eigenen Angaben Lärchenzapfen am Weißhorn bei Tramin, destilliert sie separat und mischt sie später zu; dazu kommen Enzian- und Veilchenwurzel sowie Schafgarbe. Enzian gilt als traditionelle Bitterwurzel der Alpen, und wie gut er in einen Gin passt, zeigt auch das Schweizer Gents Swiss Roots Tonic Water, das Gelben Enzian neben Chinin einsetzt.
Beim Unterthurner Gin übernimmt der Wacholder selbst die Rolle des Terroir-Trägers: Das Haus setzt nach eigenen Angaben auf Kranebitter, ein Destillat aus Gebirgswacholder, dazu Himbeer- und Schlehengeist. Für die Schweiz nennt The Gin Guide Alpenkräuter, Wildbeeren, Bergwacholder und Tannennadeln als typische regionale Zutaten, ohne einzelne Pflanzen als Standard festzulegen. Das Schweizer Haus Edelwhite aus dem Entlebuch etwa verarbeitet laut The Gin Guide 27 Botanicals, von denen 14 lokal wachsen. Einen verbindlichen „Alpen-Gin-Stil“ gibt es dennoch nicht, und die EU-Gin-Kategorien regeln das Verfahren, nicht die Herkunft der Zutaten; es gibt Brennereien mit Zugang zu bestimmten Pflanzen.
Was ist mit dem Wasser?
Gin besteht nach der Reduktion auf Trinkstärke bei 40 bis 47 % vol. zu gut der Hälfte aus Wasser, und im Alpenraum wird das gern betont. Unterthurner nennt Alpenquellwasser, The Stin steirisches Quellwasser, der Alpengin aus Hinterstoder Bergwasser, Liebl im Bayerischen Wald weiches Quellwasser. Wie stark sich das im Glas bemerkbar macht, lässt sich seriös kaum belegen; die Angaben zeigen vor allem, dass Herkunft hier als Teil der Rezeptur verstanden wird.
Welche Stile gibt es?
Drei Richtungen lassen sich unterscheiden, auch wenn die Grenzen fließen. Die erste ist der Obstbrenner-Gin, bei dem das Brenner-Erbe in der Rezeptur steckt: Beim Humbel Clouds Organic Gin kommt ein Kirschdestillat zu Thymian, Salbei und Zitrus, beim Etter Gin sind es Kirsch und Kirschblütenessenz neben 75 Botanicals; beide Gins wirken laut Verkostungsnotizen in erster Linie zitrisch bzw. blumig. Auch die Basis kann ungewöhnlich sein: Der Gölles Hands On Gin aus der Steiermark basiert nach dem Datenblatt eines österreichischen Händlers auf doppelt destilliertem weißem Rum und kommt mit nur fünf Botanicals aus.
Die zweite Richtung ist der trocken-würzige Gin mit klassischer Struktur. Der Psenner Piz19 setzt laut Händlerangabe auf Wacholder, Lavendel, Anis und Enzianwurzel, wobei empfindliche Zutaten im Brennhelm hängen. Der Studer Swiss Highland Dry Gin nutzt Kubebenpfeffer, Ingwer und Zitronengras; The Gin Guide beschreibt ihn als eher asiatisch inspiriert als alpin. Die dritte Richtung sind Gins mit Kräuter- und Obstbezug wie der Alpengin mit Lavendel und Holunder oder The Stin mit südsteirischen Äpfeln und oststeirischem Holunder bei 28 Botanicals. Ein Sonderfall bleibt Süddeutschland: Der Liebl Bavarian Dry Gin kombiniert Hopfenblüten und Beifuß aus Bayern mit Zitrusfrüchten vom Ätna.
Was bedeutet das für die Flaschenwahl?
Wer einen alpinen Gin sucht, schaut besser auf die Zutatenliste als auf das Bergpanorama. Harzige, kräuterige Profile wie beim Z44 verlangen ein Tonic mit Bitterkeit, etwa mit Enzian, oder ein neutrales; fruchtige Brenner-Gins wie Unterthurner kommen mit trockenem Tonic besser zur Geltung. Mehr zum Zusammenspiel der Zutaten erklärt der Artikel Gin-Botanicals im Detail. Wer die Region kennenlernen will, beginnt am besten mit zwei gegensätzlichen Flaschen, etwa einem klassisch-trockenen Gin und einem Obstbrenner-Gin.
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